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Disclaimer: Ich versuche NICHT, mittels dieses Textes den Film „Prinzessin Mononoke“ für mich zu beanspruchen o. ä. zu tun, der Film ist eine aus der Kooperation Studio Ghibli/ Miramax/ Disney entstandene Produktion und ich versuche nichts anderes vorzutäuschen. Der folgende Text ist allerdings hinsichtlich der Handlung und einiger zusätzlicher Figuren vollständig meine eigene Erfindung und ich möchte nicht, dass er kopiert, ohne meine Genehmigung weiter veröffentlicht, als Eigenerfindung ausgegeben oder ohne mein Wissen/ gegen meinen Willen fortgesetzt wird.

Vorwort

Sollte sich irgendjemand, der ebenfalls einmal eine Fanfiction geschrieben hat, mit diesem Text kopiert fühlen, tut mir das Leid, aber ich garantiere, dass ich mir die Handlung vollkommen selbst ausgedacht habe, ohne davor mehr als drei Seiten einer anderen Fanfiction gelesen zu haben und ich sehe nicht ein, warum ich erst sämtliche bereits existierenden Werke hätte durchlesen sollen, nur um danach festzustellen, dass ich meine eigene Geschichte aufgrund der „Kopiegefahr“ an einer oder mehreren Stelle(n) ändern müsste, um nicht mit anderen Schreiberlingen anzuecken. Das kann man ohnehin so gut wie nie vermeiden, ohne dass die eigene Geschichte darunter leidet. Die Geschichte enthält meine Auffassung und meine Meinung(en) zum Film und zu den Personen. Ich verlange nicht, dass jeder diese Meinungen teilt, bitte allerdings auch darum, mir nicht zu erzählen, dieses oder jenes sei „falsch“; es gibt keine „richtige“ Fortführung einer Erzählung, genauso wenig, wie es eben eine „falsche“ gibt. Zu möglichen Rechtschreibfehlern: Das hier ist ein vergleichsweise langer Text und ich kann nicht dafür garantieren, dass ich keinen Rechtschreibfehler oder eine grammatikalische Unstimmigkeit übersehen habe. Ansonsten wünsche ich viel Spaß beim Lesen.

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Kapitel 1
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„Ha!“
Ein flinker Schlag mit ihrem Stock und Takashi fiel mit einem verdutzten Aufschrei zu Boden.
„Aua...“
„Oh, tut mir wirklich Leid“, sagte Kaya und streckte ihm eine helfende Hand entgegen. „Ach, von wegen!“, erwiderte Takashi säuerlich, schlug ihre Hand weg und stand allein auf. Er stöhnte auf. „Bestimmt hab ich mir wegen dir das Steißbein angeknackst...“, murmelte er.
Kaya lachte spöttisch. „Ach, so ein Blödsinn! Außerdem dachte ich, wir würden Kämpfen üben. Im Kampf musst du noch viel mehr ertragen können als einen einfachen Sturz auf deinen Hintern!“
„Red doch nicht so altklug; du bist schlimmer als dein Vater“, murrte Takashi. „Hey!“, rief Kaya und hielt ihm ihren langen, blanken Kampfstock direkt vor die Nase. „Sag ja nichts gegen meinen Vater!“
„Hab ich das? Ich glaube nicht. Und jetzt nimm den Stock da weg.“ Takashi hörte Schritte und drehte sich um. Seine Mutter kam auf sie zu.
„Was macht ihr da wieder?“, fragte Megumi mit einem schiefen Grinsen.
„Kämpfen“, antwortete Kaya beiläufig.
„Ja, das seh ich“, lachte Megumi.
„Ich hab langsam keine Lust mehr“, maulte Takashi, „Sie besiegt mich ja sowieso immer.“
„Ein Grund mehr, weiter zu üben“, sagte seine Mutter.
Takashi stöhnte.
„Bist du auf dem Weg zu uns?“, fragte Kaya.
Megumi nickte. „Ja. Deine Mutter hat das Flicken immer noch nicht drauf.“
Kaya lachte. Irgendwie schien ihre Mutter noch immer ein halber Wolf zu sein. Sie hatte bis heute noch nichts anderes gekocht als Reis. Alle paar Wochen erneuerte sie die roten Zeichnungen in ihrem Gesicht und wenn sie jemand beleidigte oder verbal angriff, fletschte sie noch immer die Zähne. Sie hatte auch noch sehr viele andere Eigenarten. Und das, obwohl sie nun schon fast sechszehn Jahre unter Menschen lebte.
„Kaya? Hallo!“, rief Takashi und winkte vor ihrem Gesicht herum.
„Ja, ist ja gut, schrei doch nicht so.“
Takashi lachte auf. „Dauernd ziehst du die Nase kraus!“
„Na und? Das ist ein Reflex. Oder denkst du lang nach, bevor du die Worte anderer Leute interpretierst?“
Takashi seufzte. Im stand der Sinn nicht nach einer Auseinandersetzung, das war ihm bei Weitem zu anstrengend und außerdem machte es nur Stress. Da hielt er lieber den Mund, er war nicht sonderlich scharf darauf, bei jedem Streit das letzte Wort zu haben. Er merkte auch immer wieder, von wem er das hatte, wenn seine Eltern sich zankten. Es war recht lang her, dass sein Vater das letzte Mal seine Mutter mundtot bekommen hatte. „Die Frauen hier sind mir immer noch alle zu schlagfertig“, sagte er immer mit einem Grinsen, wenn Takashi ihn darauf ansprach.
„He, wollen wir nachher vielleicht noch in den Wald, Bogenschießen?“, fragte Kaya mit funkelnden Augen.
„Hast du mich heute nicht schon oft genug geschlagen?“, seufzte Takashi gequält und sah sie bittend an.
Kaya schüttelte energisch den Kopf. „Es geht mir nicht ums Gewinnen. Es geht mir ums Training. Es macht eben mehr Spaß, wenn du dabei bist.“
„Ja, weil du dann immer sicher sein kannst, dass es Leute gibt, die schlechter sind als du“, sagte Takashi griesgrämig, aber Kaya kannte diesen Tonfall. Sie hatte schon immer seinen Humor von den wirklichen Beschwerden unterscheiden können, anscheinend war ihr das angeboren. Also lachte sie. „Na ja, so schlecht bist du nun auch wieder nicht. Und außerdem gibt es ja auch Sachen, bei denen du besser bist als ich.“
„Ach, ja? Beim Essen vielleicht?“
Kaya prustete los. Für andere Leute war er gar nicht so komisch, das hatte sie schon gemerkt, aber sie musste sogar über seine blödesten Witze lachen.
Takashi grinste. Er war immer ein bisschen besser drauf, wenn sie so über seine Witze lachte. Ihm war auch schon aufgefallen, dass es seinem Vater genauso ging, bei allen Menschen, aber bei Ashitaka besonders (auch wenn Ashitaka nie so gelacht hätte wie Kaya, in dieser Hinsicht war sie ausnahmsweise nicht wie ihr Vater.)
Kaya wischte sich kichernd ein paar Tränen aus den Augen. „Nein, zum Beispiel bist du viel witziger als ich. Und im Kampf ohne Schwerter bist du mir auch überlegen.“
Takashi grinste. Als Siebenjährige hatte sie einmal ein blaues Auge kassiert, das würde sie wohl nie vergessen, vor allem, weil Ashitaka nur die Augenbrauen gehoben und ihr gesagt hatte, dass sie es im Grunde nicht anders verdient habe.
„Na ja, vielleicht wäre das heute nicht mehr so. Willst dus ausprobieren?“ „Nein, danke. Außerdem glaub ich kaum, dass du sonderlich scharf darauf bist, nochmal die Spitze eines Stockes in den Bauch gerammt zu bekommen.“
Takashi verzog den Mund. Nein, war er nicht.
„Also, was ist nun mit Bogenschießen?“

=&=

„Ich weiß wirklich nicht, warum ich mich immer wieder von dir breitschlagen lasse...“
„Ich auch nicht, aber das ist ja auch egal“, grinste Kaya und sah zu, wie Takashis Pfeil sich ins Holz der Zielscheibe bohrte, die sie hier vor langer Zeit aufgehängt hatten.
„Ich werde nach Westen gehen“, sagte sie, als sie zielte, vollkommen beiläufig, als würde sie ihm lediglich sagen, dass die Sonne scheine.
„Aha“, sagte Takashi.
Es entstand eine sekundenlange Stille, dann rief er: „Was?!“
„Du hast mich schon richtig verstanden. Ich werde heute Nacht aufbrechen, es ist schon alles vorbereitet.“
„Ja, aber... wissen deine Eltern denn davon?“
„Wenn sie es wüssten, würde ich dann nachts gehen?“
„Sag mal, spinnst du?“
„Nein. Ich bin lediglich von dem eintönigen Leben gelangweilt, dass ich seit fünfzehn Jahren führe. Ich will hier weg, ich will die Welt sehen.“
„Was denn, jetzt ist es auf einmal die ganze Welt? Ich dachte, du wolltest nach Westen?“ „Ja, das will ich auch; ich will sehen, was hinter dem Wald ist, was hinter den fernen Bergen ist, die man am Horizont sieht. Und Shizuka will das auch, ich hab sie gefragt.“
„Na toll, jetzt richtest du dich schon nach einem blöden Steinbock! Ehrlich, du hast über nichts nachgedacht, Kaya! Deine armen Eltern! Was denkst du denn, was sie tun werden, mh?“
Kaya zuckte mit den Schultern.
„Ich wette mit dir, dass sie dir folgen werden. Manchmal denkt man wirklich, sie haben vor gar nichts Angst. Aber das stimmt nicht, sie haben Angst, Angst davor, dass dir was passiert.“
Kaya schnaubte belustigt. „Du klingst schon wie deine Mutter.“
„Und weißt du, wie du klingst? Wie eine Fremde! Das ist nicht Kaya, die da spricht, das ist irgendeine hirnlose junge Frau, die es in Kauf nimmt, dass ihre Eltern sich schreckliche Sorgen um sie machen, nur weil sie sie um die Abenteuer beneidet, die sie erlebt haben!“
Er streifte sich seinen Köcher und den Bogen über und ging an ihr vorbei.
Kaya starrte ihn sprachlos an, als er Shitu ruppig von ihrem Weideplatz wegzog und auf den Rücken des Steinbocks stieg.
„Du... was...“, stammelte Kaya. Sie wusste einfach nicht, was sie sagen sollte.
Takashi drehte ruckartig den Kopf zu ihr. Sein Gesicht zeigte einen wütenden Ausdruck.
„Takashi, hör mir zu... Ich beneide niemanden... Ich möchte einfach... ich möchte etwas erleben, ich will etwas mit meinem Leben anfangen, verstehst du das nicht?“
„Ach, du willst etwas damit anfangen? Das ist vollkommen widersprüchlich; du willst etwas aus deinem Leben machen, setzt es aber bei dem Versuch, dies zu tun, aufs Spiel. Du solltest die Sache nochmal überdenken, meinst du nicht auch?“
„Wer sagt denn, dass ich mein Leben aufs Spiel setze, nur weil ich nach Westen gehe?“
Takashi verzog noch einmal kopfschüttelnd den Mund, dann ritt er davon.
Kaya sah ihm einen Moment lang sprachlos nach, dann ließ sie sich mit einem Seufzer ins Gras plumpsen. Sie sah zu Shizuka hinüber. Sie warf ihr einen seltsamen Blick zu.
„Sieh mich nicht so an!“, murmelte Kaya.
„Nun, er schien nicht gerade begeistert, das zu hören, aber immerhin hast du es ihm gesagt“, sagte eine tiefe Stimme.
Kayas Blick zuckte zum Gebüsch hinüber. Ein riesiger weißer Wolf trat zwischen den Pflanzen hervor. „Ah, ich habe viel zu lang zusammengekrümmt da gelegen“, stöhnte Ni und räkelte sich.
„Du hast die ganze Zeit zugehört?“
„Natürlich. Ich muss doch schließlich wissen, was meine reizende Nichte so treibt, damit sie vor Langeweile nicht eingeht“, grinste Ni.
„Er ist so... steif! Wenn er etwas nicht verstehen will, versteht er es nicht!“, rief Kaya und brach einen ziemlich dicken Ast mit einem lauten Knacken entzwei.
„Das scheint dich ja ganz schön zu bedrücken. Aber du bleibst bei deiner Entscheidung?“
„Natürlich!“
Ni nickte. „Etwas anderes hätte ich auch nicht erwartet. Um dich mach ich mir keine Sorgen.“
„Aber du machst dir Sorgen um jemand anderes?“
Ni schien zu zögern, doch dann schüttelte er den Kopf. „Nein. Hab ich mich etwa so angehört?“ Wie immer, wenn er über eine Peinlichkeit hinwegtäuschen wollte, stimmte er einen spöttischen Tonfall an.
„Nein“, sagte Kaya.
Ni nickte kurz, dann sagte er: „Vielleicht solltest du Takashi mal folgen.“
„Vielleicht. Aber ich möchte noch ein wenig hier bleiben.“
„Wie du meinst. Ich gehe jetzt wieder.“
„Gut; wir treffen uns dann heute Nacht genau hier. Grüß Ayaka und die Kleinen von mir.“
„Mach ich“, sagte Ni mit einem Lächeln. Dann ging er wirklich. Und zum zweiten Mal in seinem Leben fragte er sich, wieso er sich solche Sorgen um einen Menschen machte.

=&=

Takashi sprang von Shitus Rücken, während das Tier noch in vollem Lauf war. Megumi verzog das Gesicht.
„Bist du wütend, Takashi?“, fragte sie.
„Was? Nein!“, rief Takashi zu ihr hinüber.
Megumi zuckte mit den Schultern und ging ins Haus.
„Hallo, Takashi!“, rief eine laute Kinderstimme, als Takashi Shitu im Stall anband. Er drehte sich um. „Oh... hallo, Rei.“
„Wart ihr im Wald? Wo ist Kaya? Bist du sauer?“
Takashi setzte eine wehleidige Miene auf. „Kannst du einmal deinen Mund halten?“
Rei schüttelte den Kopf. „Nein. Mama sagt, das darf auch nie passieren, weil ich damit eine wichtige Waffe gegen die Männer habe.“
Takashi prustete auf. Typisch Toki.
„Kaya ist noch im Wald. Und ich bin nicht sauer, wie kommt ihr alle darauf?“ Er ging an der Sechsjährigen vorbei.
„Du kuckst sauer, sonst ist gar nichts!“, rief sie ihm nach.
Takashi verdrehte die Augen. Na klar. Sein Gesicht war der Spiegel seiner Seele, das sagte ihm seine Mutter dreimal am Tag.

„Takashi, was ist denn los mit dir?“
„Was? Was soll denn schon mit mir los sein?“
„Seit du aus dem Wald zurück bist, benimmst du dich so komisch. Du starrst die ganze Zeit mit leerem Blick Löcher in die Luft, du hast kein Wort mit Kaya gesprochen, du bist ihr förmlich ausgewichen. Du hast dich nach hier oben verkrochen und kommst nicht mehr runter. Ich mach mir Sorgen.“
„Es ist alles in Ordnung, Mama.“
Megumi seufzte. „Nein, ist es nicht.“
„Doch!“
„Das sieht man dir an, Takashi. Friss deine Sorgen nicht immer so in dich hinein, dein Vater hätte sich deshalb einmal fast umgebracht.“
„Ich weiß...“
Megumi seufzte noch einmal, strich ihm durchs schwarze Haar und ging dann auf die Leiter zu, die zum Wohnraum hinunter führte.
Takashi starrte die Hauswand an. Er hätte am Liebsten laut geschrien. Seit wann war sie bloß so unvernünftig? Und so stur? Konnte sie denn nicht verstehen, was sie damit anrichten würde?
„Und? Was ist mit ihm?“
„Ich weiß es nicht“, seufzte Megumi kopfschüttelnd und setzte sich neben ihren Mann. „Du weißt ja, wie er ist. Man bekommt kein Wort aus ihm heraus, wenn er nicht sprechen will. Ich konnte ja noch froh sein, dass er überhaupt ein Wort mit mir gewechselt hat!“, klagte sie.
„Er wird schon noch irgendwann mit der Wahrheit herausrücken“, sagte Daisuke.
Megumi grinste ihn schief an. „Ja, nur wann er das tut, ist die Frage. Da kann ich mir ja bis heute nicht mal bei dir sicher sein.“
Daisuke lachte verlegen.

=&=

Kaya schreckte augenblicklich aus dem Schlaf, als sie Nis fernes Signalheulen aus dem Wald hörte. Sie sah zu ihren Eltern hinüber. Ihre Mutter drehte sich kurz unruhig hin und her, wie immer, wenn sie das Heulen eines Wolfes hörte. Aber sie wachte nicht auf. Kaya stand auf, zog sich an und ging zur Leiter. Sie warf einen letzten Blick auf ihre Eltern. Ein liebevolles Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, als ihre Mutter sich wieder zu ihrem Vater drehte und im Schlaf lächelte, als sein Atem ihr Gesicht streifte.
Sie würde die beiden vermissen. Aber sie würde ja auch nicht lange weg sein... zumindest nicht ewig.
Leise verließ sie das Haus und schlich sich zu den Ställen, wobei sie jeden Schritt mit Bedacht setzte.
Soweit lief alles gut. Sie holte Shizuka aus dem Stall und führte sie durch die Straßen auf das Stadttor zu. Sie hatte einen der Wächter überreden können, das Tor bis Mitternacht offen zu lassen.
Auf halbem Weg sprang ihr eine dunkle Gestalt in den Weg. Sie brauchte einen Moment, um die Person im Mondlicht zu erkennen. „Takashi? Was machst du hier, zum Teufel?!“ „Ich bitte dich Kaya, lass von dieser törichten Entscheidung ab! Du reitest ins Verderben! Hast du nicht gehört, was die Händler sagen? Im ganzen Land wütet ein schrecklicher Bürgerkrieg!“
„Ich werde schon nicht hineinreiten. Und jetzt lass mich vorbei.“
„Nein.“ Er stellte sich breitbeinig vor sie und vereitelte jeden ihrer Versuche, an ihm vorbei zu kommen.
„Lass mich vorbei!“, zischte Kaya. Die Zeit drängte. Mitternacht war sicher nicht mehr lang hin. Sie zog ihr Kurzschwert. „Geh beiseite!“
„Du wirst mich nicht töten, Kaya.“
„Ach ja?“
„Ja. Dazu bist du zu vernünftig.“
„Schreib du mir nicht vor, was ich bin!“
„Ich schreibe dir nichts vor. Ich habe lediglich etwas festgestellt.“
„Lass mich durch, zum letzten Mal!“
„Nein.“
Kaya steckte ihr Schwert weg.
„Na, siehst du. Und jetzt... Was siehst du mich so an?“
„Tut mir Leid, Takashi“, sagte Kaya.
„Was...?“ Doch Kaya hatte schon ausgeholt und ihm mit der Faust in den Magen geschlagen. Kaum hatte sie das getan, sprang sie auf Shizukas Rücken und preschte davon.
Jetzt hatte sie ihren besten Freund geschlagen, um ihren Willen durchzusetzen. Was war bloß los mit ihr?
Ni wartete schon. Seine Partnerin Ayaka und die Kinder der beiden waren auch gekommen. Kaya lächelte, als die Kleinen alle gleichzeitig auf sie zustürmten.
„Komm uns ja sicher zurück“, sagte Ayaka. Sie hatte eine wunderschönes silbergraues Fell, leuchtende Augen und strahlend weiße Zähne. Sie war wahrscheinlich das schönste Geschöpf, das Kaya jeh gesehen hatte... Sie war ja auch immer noch bei sämtlichen Wölfen des Waldes beliebt bis sogar begehrt, obwohl sie nun schon lange vergeben war. „Natürlich. Es gibt überhaupt keinen Grund, sich solche Sorgen um mich zu machen.“ Ni ließ ein warmes Lachen hören. „Du klingst wie deine Mutter“, sagte er und legte den Kopf schief.
Ayaka grinste ihn an. „Und du klingst wie Ichi.“
Ni lachte noch einmal. „Das kann sein.“
Die jungen Wölfe hatten inzwischen wieder von Kaya abgelassen.
„Und ihr sagt nichts, wie vereinbahrt?“
„Nicht bis zum nächsten Sonnenuntergang“, nickte Ni. Er fragte sich, ob er es tatsächlich aushalten würde, San so lange etwas zu verschweigen, was sie unbedingt wissen wollte. „Gut. Und dann... könntet ihr meinen Eltern dann vielleicht auch noch sagen, dass ich die ganze Zeit an sie denke und dass ich sie alle beide liebe?“
„Natürlich“, lächelte Ayaka und schleckte einem ihrer Kinder liebevoll den Kopf.
Kaya saß schon wieder auf Shizuka und wollte sich gerade zum Gehen wenden, als sie noch einmal aufsah und sagte: „Und... könntet ihr bitte Takashi sagen, dass...“ Sie brach ab. Was denn? Welche Nachricht sollte sie ihm dalassen? „...er... er soll sich keine Sorgen machen und er soll mir nicht folgen... und das, was vorhin passiert ist, tut mir schrecklich Leid, sagt ihm das bitte auch.“
„Was meinst du?“
Kaya schüttelte den Kopf. „Nicht so wichtig.“ Sie machte eine kurze Pause, dann sah sie in die Runde, lächelte noch einmal und sagte: „Lebt wohl. Auch euch werde ich nicht vergessen.“
Dann ritt sie los. Sekunden später verschluckten sie die Schatten.

=&=

Ashitaka erwachte und wusste sofort, dass etwas anders war. Er richtete sich auf und sah sich um. Kayas Schlafplatz war leer. Er fragte sich, warum ihm das Sorgen gemacht hatte. Schließlich kam das öfter vor.
Er stand unbekümmert auf, wobei er sorgfältig darauf achtete, San nicht zu wecken (auch wenn sie wahrscheinlich sowieso innerhalb der nächsten Minuten aufwachen würde).
Die Luft war kühl und erfüllt vom morgendlichen Raureif, als er auf die Straße trat. Es war noch niemand draußen.
Ein Schwarm Vögel flog über die Stadt hinweg und stieß dabei einige laute Rufe aus. Vom Stall hörte man die leisen Laute der Tiere, die langsam auch aufwachten. Und dort kletterte die Sonne über die nahen Hügel.
Ein wunderschöner Tag. Ashitaka atmete tief ein. Wo Kaya wohl war? Sicher im Wald. Doch dann geschah etwas, das Ashitaka stutzig machte. Takashi kam die Straße herauf, den Kopf gesenkt, den Rücken krumm. Er wich den Steinen auf der erdigen Straße aus, anstatt sie wie sonst vor sich her zu treten.
Ashitaka kannte dieses Verhalten. Wie so vieles hatte Takashi das von seinem Vater geerbt, manchmal schienen sie fast wie Kopien. Dass Takashi nicht mit Kaya zusammen unterwegs war, war schon seltsam genug, aber wenn er auch noch so durch die Gegend stapfte, noch dazu zu dieser Stunde, dann war wirkich etwas nicht in Ordnung, ganz sicher.
Ashitaka sprang auf die Straße hinunter und lief auf Takashi zu. Der Junge sah ihn nicht einmal an, als er näher kam. Im Gegenteil, er drehte den Kopf sogar weg. Dann blieb er stehen und richtete sich auf, sein Kopf bleib allerdings gesenkt, sein Gesichtsausdruck war nicht hundertprozentig deutbar.
„Takashi, was ist los?“
„Nichts. Ich bin nur müde.“
„Wo ist Kaya?“
Takashi zuckte mit den Schultern. „Ich hab sie heute noch nicht gesehen. Ich bin gerade auf dem Weg zu Shitu...“ Takashi brach hastig ab, aber es war schon zu spät.
„Gut, ich komme mit dir. Ich muss auch noch nach Jakkul und Shizuka sehen.“
„Nein!“ Ashitaka lehnte sich überrascht ein Stück nach hinten, als Takashi so plötzlich den Kopf drehte und ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. „Das... geht... also... ich... ähm... das ist nicht nötig“, stammelte Takashi.
„Was? Warum nicht?“
„Weil... die beiden sind schon versorgt worden; Mama hat ihnen was gebracht, vor etwa einer Stunde.“
„Und warum musst du dann zu Shitu?“
„Sie... nun...“ Takashis Gesicht war so rot wie eine Tomate. Nun war Ashitaka mehr als nur überzeugt, dass der Junge etwas verbergen wollte. Daisuke reagierte immer genauso; gleich würde alles auf einmal kommen...
„Gut. Ich gehe jetzt zum Stall.“
„Nein! Warte! Es hat doch keinen Sinn zu Shizuka zu gehen, wenn sie nicht da ist!“ Da. Jetzt war der Hahn aufgedreht. Nur noch eine Frage, dann fing das Wasser an zu laufen.
„Was soll das heißen, Shizuka ist nicht da?“
„Sie ist nicht da, weil... weil...“ Takashi schloss die Augen, atmete tief ein und kniff die Lippen zusammen. Er wollte also nicht reden. Das Ganze hatte doch wohl nicht etwa... „Hat das was mit Kaya zu tun?“, fragte Ashitaka, obwohl er die Antwort eigentlich gar nicht wissen wollte.
Takashi biss sich auf die Unterlippe. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte. Ashitaka kannte seinen Vater und damit ihn inn- und auswendig. Also wusste er auch, dass es sich nur auf einen Freund beziehen konnte, wenn er so eisern schwieg.
„Also... ja“, sagte er sehr leise und senkte den Blick. „Sie ist gestern Nacht weggeritten.“ „Was?!“
Ashitaka und Takashi wandten die Köpfe. San stand in der Tür ihres und Ashitakas Haus. „Sie ist WAS?!“, rief sie. Ihre Stirn war in Falten gelegt.
„Sie ist weggeritten. Sie wollte nicht zur Vernunft kommen, sie will nach Westen...“ Takashis Stimme war belegt und er räusperte sich.
„Nach... Westen?“, fragte San konfus. „Ja, aber wieso denn? Und was ist mit diesem Bürgerkrieg?“
Takashi zuckte mit den Schultern. „Sie wollte nicht auf mich hören, anscheinend hat sie den Entschluss schon vor einiger Zeit gefasst und sie ließ sich nicht mehr davon abbringen.“
Ashitaka warf San einen Seitenblick zu. Von wem Kaya das wohl geerbt hatte... San sah ihren Mann entschlossen an. „Wir müssen ihr folgen!“, sagte sie.
Ashitaka schüttelte den Kopf. „Wir wissen nicht einmal, wo sie hin ist.“
„Na, wohin schon? Nach Westen!“
„San, ich bitte dich...“
„Nein! Hör auf damit! Hier geht es um unsere Tochter!“
„Ich weiß, aber es hat doch keinen Sinn, sich jetzt so aufzuregen.“
„Ach ja? Und was sollen wir dann tun? Abwarten? Warten, bis wir sicher sein können, dass sie tot ist?“
Takashi hatte sich langsam davon geschlichen. Als er um eine Häuserecke kam, rannte er fast in seine Mutter hinein. Sie starrte ihn böse an.
„Mama, was...“
Sie ließ ihn gar nicht richtig zu Wort kommen und gab ihm eine schallende Ohrfeige. „Das hast du uns also verschwiegen!“, zischte sie wütend. Dann packte sie ihren Sohn am Arm und schleppte ihn hinter sich her wie ein Kleinkind.
Takashi hielt sich die schmerzende Wange. Machte er eigentlich immer alles falsch? Er riss sich los.
„Was hätte ich denn machen sollen? Kaya wollte nicht auf mich hören!“
„Dann hättest du es uns sagen müssen!“
„Aber es war ihr doch so wichtig und sie ist meine beste Freundin!“
„Gerade deshalb hättest du es zumindest San oder Ashitaka erzählen müssen!“
„Aber...“
„Verstehst du nicht? Jetzt, wo sie weg ist, können wir im Prinzip nichts mehr tun!“ „Was? Wie meinst du das?“
„Wir wissen doch noch nicht einmal, wo sie hin ist! Noch dazu ist sie schon seit gestern Nacht unterwegs, es wird wahnsinnig schwer bis unmöglich sein, sie zu verfolgen!“
„Ja, aber...“
Megumi schüttelte den Kopf und wandte sich ab. Takashi stand da, mitten auf der Straße und ihm war einfach nur nach Heulen zumute. Da kam ihm auf einmal eine Idee. Ni! Ni musste es wissen!
Er lief zum Stall und holte Shitu. Bald darauf erreichte er den Waldrand. Wenn der Wolf nicht wusste, wo Kaya hin war, wusste es niemand.

=&=

Ni hörte Hufe im Gras vor der Höhle. Er kannte dieses Geräusch, es war ihm vertrauter als einige Geräusche des Waldes, die er täglich zu hören bekam. Die Hufe eines Steinbocks. Also war es der Junge. An diese Möglichkeit hatte er gar nicht gedacht. Das würde noch schwerer werden als mit San, hart zu bleiben, wenn ein Kind ihn anbettelte. Takashi betrat die Höhle. Sein Atem ging schwer.
„Ni!“
„Ich bin hier, was ist los?“
„Wo ist Kaya?“
„Woher soll denn ich das wissen?“
„Bitte Ni, ich muss es wissen!
“ „Tut mir Leid, ich darf es dir nicht verraten.“
„Aber... aber es geht vielleicht um Leben und Tod!“
„Vielleicht. Und vielleicht nicht.“ Diese Worte aus seinem Mund versetzten Ni einen Stich im Herzen. Er wusste, dass Ashitaka auch einmal so gesprochen hatte, um Takashis Vater zu beruhigen. Und dann waren sie in einen Kampf gezogen, in dem sie alle schwere Verluste erlitten hatten.
Takashi schüttelte den Kopf. „Machst du dir denn keine Sorgen um sie?“
„Doch, natürlich. Aber ich habe ihr ein Versprechen gegeben, welches ich gedenke einzuhalten.“
„Aber...“, stammelte Takashi. Die Verzweiflung in seinem Gesicht brach Ni beinahe das Herz. Er wandte den Blick ab.
„Bitte, gib mir nur die ungefähre Richtung an!“
„Westen. Sie ist nach Westen, bist du jetzt zufrieden?“, knurrte Ni.
„Das wusste ich doch schon! Bitte, es ist wichtig! Wenn sie stirbt, bin ich schuld!“
Ni sah ihn plötzlich wieder an. „Wieso solltest du dann schuld sein?“
„Weil... weil ich sie nicht aufhalten konnte.“
Ni schüttelte den Kopf. „Warum gibst du dir ständig die Schuld für irgendwelche Dinge? Das ist doch Irrsinn!“
Takashi blickte ihm fest in die Augen. „So bin ich eben. Das lässt sich nicht ändern. Und nun entschuldige mich, ich muss Kaya suchen.“ Damit drehte er sich um und wollte gehen.
„Warte“, murmelte Ni.
Takashi wandte sich um. „Was ist?“
„Ich zeige dir die Richtung.“

=&=

Takashi starrte auf die Stelle zwischen den Bäumen, die Ni ihm gezeigt hatte. Von dort an immer geradeaus wollte sie, mehr wisse er auch nicht, hatte Ni gesagt und hatte ihn stehen lassen. Er schien ziemlich schlechte Laune zu haben. Und jetzt? Sollte er einfach wieder auf Shitus Rücken springen und ihr nachwetzen, auf gut Glück? Um sich am Ende selbst zu verirren oder in diesen Bürgerkrieg zu geraten? Diese Gedanken stießen ihn ab. Er stieg auf den Steinbock seines Vaters und ritt zurück. Noch während des Rittes stiegen ihm die Tränen in die Augen. Er war so ein Feigling! Er war nicht einmal in der Lage, seiner besten Freundin zu folgen, weil sie sich vielleicht in Lebensgefahr befand.
Er kam im Stall an, band Shitu fest und ließ sich ins Stroh fallen. Er lehnte sich gegen den Holzzaun. Das Gatter zu Shitus Box öffnete sich. Takashi wandte den Kopf, aber er konnte nichts erkennen, seine Augen waren von einem nassen Schleier getrübt. „Takashi, was hast du denn?“
Er musste fast lächeln, als er diese hohe Stimme hörte, in der solche Besorgnis mitschwang.
Rei trat näher an ihn heran. „Was ist los mit dir? Weinst du?“ Bevor er überhaupt reagieren konnte, sprang sie auf ihn zu und umarmte ihn. Takashi war völlig verdutzt. „Was... was soll denn das werden?“, fragte er und spürte, wie er rot wurde.
„Ich tröste dich. Du sollst nicht weinen“, sagte Rei und kuschelte sich an ihn.
Takashi lächelte. Wenigstens war es mal jemandem egal, ob er nun selbst an seinem Leiden schuld war oder nicht. Er legte die Arme um das kleine Mädchen.
„Es ist bestimmt wegen Kaya, richtig?“, fragte sie.
Takashi nickte knapp.
„Mama war vorhin bei San. Die Arme ist völlig außer sich, sagt sie. Sie hat sogar geweint.“
Takashi seufzte. Na toll. San hatte also geweint. Das wurde ja immer besser.
„Wo will sie eigentlich hin?“, fragte Rei.
„Nach Westen will sie. Mehr weiß ich auch nicht; ich wünschte, das wäre anders. Ich wünschte, ich könnte irgendwas tun...“
„Armer Takashi“, sagte Rei. Sie hatte aufrichtiges Mitleid, das sah man ihr an.
Takashi lächelte sie an. Zu seiner Überraschung röteten sich ihre Wangen. Sie beugte sich vorsichtig vor und gab ihm ein Küsschen auf die Wange. „Du darfst sie nicht vergessen und musst hierbleiben“, sagte sie, dann lief sie davon.
Und hierbleiben? Ahnte sie, was er vorhatte? Obwohl, hatte er es eigentlich immer noch vor? Und wieso hatte er einen Strohhalm im Haar?

=&=

Als es dämmerte, machte Kaya ein Feuer und suchte sich einige Beeren, die sie zu einem kleinen Teil ihres Proviants aß. Sie hätte nicht gedacht, dass sie an einem Tag so weit kommen würde. Shizuka stand einige Meter entfernt im Gras und fraß. Vorhin, als sie noch geritten waren, hatte der Steinbock gefragt, ob es nicht besser wäre, umzukehren. Kaya hätte sie am Liebsten dafür angeschrieen. Nein, sie würde nicht zurückgehen. Sie hatte das hier angefangen und hatte auch die Absicht, es zuende zu bringen. Dass sich alle solche Sorgen wegen dem Bürgerkrieg machten, war doch einfach nur dumm. Wenn er noch nich bis Irontown gekommen war, wieso sollte er dann weiter westlich wüten? Genauso hätte sie sich fragen können, wie weit der Wald noch reichte... sie wusste es eben nicht. Aber eigentlich war sie sicher, dass der Bürgerkrieg noch nicht da war... Und wenn doch? Was, wenn Takashis Befürchtungen Wahrheit würden? Dann wäre es doch besser umzukehren...
Kaya schlug sich zornig eine Hand an die Stirn. Was soll das?!, beschimpfte sie gedanklich ihr Hirn. Shizuka hob verwundert den Kopf und sah ihre junge Herrin fragend an.
Kaya lächelte und stand auf. Sie strich dem Tier durch das rostbraune Fell. „Alles in Ordnung, Shizuka.“ Sie machte eine Pause, dann fragte sie: „Vermisst du deine Eltern auch so sehr wie ich?“
Als Antwort strich Shizuka mit dem Kopf an ihrer Wange entlang und gab ein leises Schnauben von sich. Kaya lächelte. Natürlich würden Jakkul und Shitu nicht einmal halb so besorgt um ihre Tochter sein wie Ashitaka und San... Schließlich war Shizuka fast erwachsen und konnte für sich selbst sorgen...
Ich etwa nicht?, schoss es Kaya durch den Kopf. Ich bin fünfzehn Jahre alt, ich bin fast erwachsen! Wenn nicht sogar schon ganz... aber warum sind meine Eltern dann immer noch so besorgt um mich?
Kaya seufzte und begann, ein Lager für die Nacht zu errichten. Morgen würde wieder ein langer Tag werden.




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