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Kapitel 2
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Nun war sie schon zwei Wochen weg. Und er saß immer noch in Irontown herum und tat nichts. Es war erbärmlich. Bei allem, was er tat, fehlte sie ihm.
Beim Bogenschießen. Ihre weisen Sprüche, mit denen sie es vertuschte, dass sie seine Leistungen manchmal nicht gerade als gut sondern als nahezu dumm empfand, weil sie es scheinbar von Kindesbeinen an perfekt konnte und an ihn dieselben Ansprüche zu stellen schien.
Beim Schwertkampf. Es förderte zwar seine Konzentration, wenn er allein kämpfte, aber sie fehlte ihm, mit ihrem Grinsen und ihren vor Freude strahlenden Augen, wenn er wieder auf dem Hosenboden landete. Ihr Lachen und ihren entschuldigenden Blick, wenn er seine Niederlage mit einem dummen Spruch überspielte.
Beim Nichtstun. Er konnte auch alleine auf dem Dach sitzen, den Sonnenuntergang beobachten und schweigen. Aber allein konnte er keinen Seitenblick auf Kaya werfen, wenn ihr Körper sich im orangefarbenen Licht aufrichtete, ihr Brustkorb sich hob, wenn sie tief einatmete, und dann wieder regungslos zur Sonne starrte, als wäre da etwas, das sie nicht aus den Augen lassen durfte.
Beim Arbeiten. Immer hatten sie ihren Vätern bei irgendwelchen Reperaturen geholfen. Er hatte alle mit seinen Witzen zum Lachen gebracht, über die sonst wahrscheinlich kein einziger Mensch in Irontown gelacht hätte außer Rei. Und Kaya war immer alles gleich gelungen und anschließend hatte sie sich jedesmal wieder gefreut, was vor allem ihren Vater immer zum Lächeln gebracht hatte.
Nun lächelte Ashitaka nicht mehr, oder nur noch selten. Er war die ganze Zeit nur ernst und in sich gekehrt, verhielt sich ruhig und nahm alles in Kauf. Das war seine Art, natürlich, aber irgenwie war es... ausgeprägter als sonst.
Und all das hätte er verhindern können, wenn er sich mehr Mühe damit gegeben hätte, sie aufzuhalten. Manchmal schlug oder trat Takashi einfach gegen etwas, wenn ihn niemand sah. Es machte ihn rasend. Seine beste Freundin ließ man nicht so einfach auf eine gefährliche Wanderschaft gehen, schon gar nicht, wenn die Vernunft, die sie sonst immer in Übermaßen zu haben schien, sich voll und ganz aus dem Staub gemacht hatte. Wenn sie nur noch die Eigenschaften ihrer Mutter und einige schlechte „Eigenerfindungen“ zeigte. Dann musste sie gestoppt werden. Bisher war das immer nur passiert, wenn sie außerordentlich wütend geworden war. Irgendwann hatte Takashi die Feststellung gemacht, dass man sie am besten beruhigen konnte, indem man nicht zurückschrie, sondern auf sie einging. Auch,wenn er zugeben musste, dass er sich das schon ein wenig von Ashitaka abgeschaut hatte. Aber das war ja wohl egal...
Takashi schüttelte wild den Kopf. Immer dachte er an irgendetwas anderes!
„Takashi? Ist alles in Ordnung mit dir?“
„Jadoch!“, knurrte Takashi und konzentrierte sich wieder auf sein Essen.
Sein Vater sah ihn ein wenig seltsam an.
„Was?“
Daisuke seufzte. „Ach, nichts.“
„Du denkst, ich mache mir zu viele Sorgen um Kaya, stimmts?“, fragte Takashi giftig.
„Nein. Wann hab ich denn das gesagt?“
„Du denkst es! Das sieht man dir doch an!“
„Takashi! Jetzt reicht es aber!“, rief Megumi empört.
Takashi stand wütend auf. „Du hast Recht. Mir reicht es auch.“ Dann lief er aus dem Haus.
„Musst du ihn immer gleich anschreien?“, fragte Daisuke.
„Gleich? Das war nicht „gleich“, das war verdammt spät! Er hat dir eine Lüge unterstellt!“
„Nein, hat er nicht, er hat lediglich gesagt, dass ich aussehe, als würde ich etwas Bestimmtes denken“, murmelte Daisuke.
„Eben! Und das hat er nicht zu tun! Er hat nicht zu denken, dass andere an dies oder das denken!“
Daisuke hob die Augenbrauen und sah sie eindringlich an.
„Ach!“, fauchte Megumi, als sie erkannte, was er meinte und stellte ärgerlich ihre Schüssel ab.
Daisuke streckte eine Hand über den Tisch und legte sie auf die eine ihrer zu Fäusten geballten Hände. Mit dem Daumen strich er daran entlang.
„Was ist los?“, fragte er liebevoll.
Megumi seufzte. „Ich mache mir solche Sorgen um San. Sie spricht nicht mehr, sie geht kaum noch vor die Tür und starrt die ganze Zeit nur vor sich hin.“
Daisuke nickte. „Ja, Ashitaka hat mir das auch erzählt. Er wird noch bald verrückt werden vor Sorge um seine Familie.“
Megumi deutete ein Nicken an. Dann stand sie auf, ging um den niedrigen Tisch herum und fiel ihrem Mann in die Arme. „Ich hab ständig Angst davor, dass uns das auch passiert. Manchmal wache ich nachts auf und gehe zu Takashis Lager hinüber, um mir sicher sein zu können, dass er noch da ist!“
Daisuke legte seine Arme um sie. „Hör auf. Das macht er nicht.“
„Und wieso bist du dir da so sicher? Er vermisst Kaya und er würde ihr am liebsten folgen. Das sieht man ihm an.“
Daisuke schmunzelte. „Soso, das sieht man ihm also an? Ich dachte, man soll sich keine Gedanken darüber machen, was andere denken?“
„Du bist blöd!“, lachte Megumi und kniff ihm in die Nase. Daisuke grinste. Seltsam, dass ihr noch nicht aufgefallen war, dass auch er sich deshalb sorgte. Wo ihr doch sonst immer sofort jede Sinneswandlung an ihm oder Takashi oder überhaupt an jedem Menschen auffiel.

=&=

Wie weit erstreckte sich der Wald wohl? Schließllich waren sie nun schon zwei Wochen unterwegs und noch immer umgab sie das satte Grün der uralten Bäume.
Diese Frage sollte Kaya beantwortet werden. Die Bäume standen auf einmal immer weiter auseinander, es wurde heller und ein seltsamer, frischer Geruch wurde vom Wind mit sich geführt. Noch dazu hörte Kaya auf einmal etwas; noch sehr leise, aber dennoch hörbar, war da ein Rauschen und man hörte Vögel, da war sie sich sicher, aber sie hatte diese Art von Vogelruf noch nie gehört. Kaya konnte es gar nicht erwarten, das zu sehen, was der Wald im Moment noch verbarg.
Auch Shizuka schien aufgeregt zu sein. Sie beschleunigte ihren Schritt.
Immer mehr Abstand zwischen den Bäumen... Das Rauschen wurde lauter.... Da vorne war es strahlend hell...
Und auf einmal brach Shizuka durch ein dichtes Gestrüpp ins Freie. Kaya hielt sich reflexartig den Arm vors Gesicht. Es war so hell! Als würde sich alles Sonnenlicht hier gesammelt haben, nur um sie beide zu begrüßen.
Vorsichtig ließ Kaya den Arm sinken und blinzelte. Sie musste ziemlich lange blinzeln, bis sich ihre Augen endlich äußerst langsam an die Helligkeit gewöhnten. Doch das war es wert, was sie dann sah. Sie stieg von Shizukas Rücken und sah sich um. Im Rücken hatte sie den dunklen Wald, zu ihren beiden Seiten erstreckten sich steil abfallende Felsklippen und vor ihr... vor ihr schimmerte in dieser unwahrscheinlich hellen Sonne klares blaues Wasser. Massen von Wasser. Kaya hielt sich eine Hand als Sonnenschirm an die Stirn und sah an der Wasseroberfläche entlang. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, wie viel Wasser das sein musste. Dort hinten verschmolz das Wasser mit dem wolkenlosen Himmel.
Ein leichter, aber scharfer Wind wehte und trug Kaya wieder diesen Geruch entgegen: Ein scharfer, erfrischender Geruch und irgendwie roch es ein wenig nach Salz.
Kaya atmete tief ein. Es war unglaublich, wie wahnsinnig gut diese Luft tat; ihr Hals war vollkommen befreit, es tat schon fast weh, zu atmen.
„Es ist wunderschön hier!“, seufzte sie. Shizuka schnaubte zustimmend.
„Komm, wir suchen einen Weg nach da unten!“, rief Kaya, die einige Schritte gelaufen war und nun an der Klippe hinunter auf einen Sanstrand direkt am Wasser hinabsah. Also folgte Shizuka ihrer Herrin. Nach einem nicht allzu langen Fußmarsch fanden sie tatsächlich einen Weg nach unten.
Unten angekommen gab Kaya ein entzücktes Lachen von sich. „Was für ein prachtvoller Ort!“, rief sie aus. Sie sah zu dem Wasser hinüber, das immer wieder am sacht abfallenden Sand leckte. Irgendwie hatte sie auf einmal Durst. Sie ging auf das Wasser zu, zog ihre Lederschuhe aus und kicherte, als eine kleine Welle ihre Zehen berührte. Dann ging sie in die Hocke und schöpfte etwas von dem Wasser in ihre zu einem Becher geformten Hände. Sie sah einen Moment darauf hinab und betrachtete ihr Spiegelbild, dann hob sie die Hände zum Mund. Kaum war ihre Zunge mit dem ersten Tröpfchen in Berührung gekommen, spuckte sie das Wasser erschrocken wieder aus. „Es schmeckt nach Salz!“, stellte sie verwundert fest.
Da hörte sie wieder einen dieser Laute, wie sie sie im Wald gehört hatte und sie hob den Kopf. Dort oben flog ein weißer, schlanker Vogel mit einem grauschwarzen Kopf und einem orangefarbenen Schnabel. Er gab diesen Laut von sich, den sie noch nie gehört hatte. Kaya lächelte hinauf.
Dann drehte sie sich zu Schizuka um. „Komm, Shizuka. Ich schlage vor, wir suchen uns trinkbares Wasser und schlagen dann dort oben auf den Felsen ein Lager auf.“

Sie fanden einen Fluss und unweit davon einen weiteren Weg hinauf auf die Felsen. Als Kaya später ein Feuer machte und Shizuka nach ein paar Gräsern suchte, wurde es ziemlich schnell immer dunkler und bald funkelten die Sterne über ihnen. „Wie schön“, hauchte Kaya und streckte eine Hand aus, als könnte sie die funkelnden Lichter am Himmel auf diese Weise berühren.
Vom Wald her hörte man das Zirpen einiger Grillen. Ein sanfter Wind wehte, die eigenartigen Vögel des großen Wassers ließen immer seltener ihre unmelodischen Rufe hören.
„Ich wünschte, Mama und Papa könnten das hier sehen...“, murmelte Kaya. Oder Takashi, fügte sie in Gedanken hinzu. Ein heißer Blitz zuckte durch ihren ganzen Körper. Da hörte sie auf einmal ein Geräusch. Ein Knacken. Ruckartig wandte sie den Kopf zum Wald und stand im Bruchteil einer Sekunde breitbeinig da.
„Wer ist da?“, rief sie mit scharfer Stimme.
Sie bekam keine Antwort.
Sie bedeutete Shizuka, zu bleiben, wo sie war, dann ging sie vorsichtig einige Schritte auf das vollkommen undurchsichtige Gestrüpp zu. Vielleicht war es einfach nur ein Tier, aber sie wollte auf Nummer sicher gehen.
Ihr Atem ging ein wenig schneller als sonst, aber sie hielt sich zu Ruhe an. Ihre Hände umfassten fest den Griff des Kurzschwertes, das sie zuvor lautlos aus seiner Scheide gezogen hatte. Es funkelte im Mondlicht.
Noch einmal raschelte es ihm Gebüsch, das Geräusch war jetzt näher als zuvor. Kaya blieb stehen und blickte kontinuierlich zum dunklen Waldrand vor ihr.
Auf einmal raschelte es noch einmal, lauter und länger als die beiden anderen Male und dann barch auf einmal eine Gestalt zwischen den Pflanzen hervor.
„Bleibt, wo Ihr seid!“, befahl Kaya mit lauter Stimme und hielt ihr Schwert vor sich. Sie wollte diesen Menschen sehen.
Wie erstarrt blieb er stehen und hob den Kopf. In seinem Gesicht zeichneten sich blankes Entsetzen und Angst ab... und Schweiß.
Er atmete hastig und laut. Mit aufgerissenen Augen und halb geöffnetem Mund starrte er abwechselnd Kaya und ihr blitzendes Kurzschwert an.
Er war eindeutig schon erwachsen, aber seine Gesichtszüge waren noch relativ fein; Kaya schätzte ihn auf Anfang zwanzig.
„Wer seid Ihr und was wollt Ihr hier?“, fragte sie.
„Ich...“, presste er hervor. „Bitte, ich will Euch kein Leid zufügen...“
„Wie ist Euer Name?“, wiederholte Kaya etwas lauter und verlieh ihrer Stimme einen ungeduldigen Unterton.
„Mein... mein Name ist Naoto... einfach nur Naoto... so nennt mich jeder...“ Er kicherte nervös. Es klang leicht schwachsinnig.
„Schön, und was genau wollt Ihr von mir?“ „Von Euch will ich nichts... Ich war... nun, ich war einfach nur auf der Flucht, wisst Ihr?“ „Auf der Flucht? Seid Ihr etwa ein Verbrecher oder so etwas?“
„Oh nein, das bin ich wahrlich nicht, nein! Nun sagt mir bloß nicht, Ihr habt noch nichts von dem Bürgerkrieg gehört? Dem Krieg um die Thronfolge?“
„Natürlich habe ich davon gehört!“, fauchte Kaya.
„Nun... ich bin aus meinem Dorf geflüchtet, wie auch einige andere meiner Leute... allerdings verloren wir uns und so habe ich mich alleine durchgeschlagen... bis hierher... und nun stehe ich vor einer seltsamen jungen Frau, die mich mit gerunzelter Stirn und krauser Nase anfunkelt, als sei ich ihr schlimmster Feind auf Erden.“
„Ich bin sicher nicht diejenige, die hier seltsam ist“, versetzte Kaya eiskalt. „Und warum seid Ihr ausgerechnet hierher gekommen? Hier ist doch nichts!“
„Genau das ist ja der Punkt: Hier ist nichts, also auch kein Krieg. Und es ist zurzeit äußerst schwer, einen solchen Platz zu finden. Ich wage es auch zu bezweifeln, dass das auf ewig so bleiben wird. Der Krieg breitet sich immer weiter aus und immer mehr Menschen werden von der Mordlust gepackt.“
„Von wo genau kommt Ihr? Es kann nicht allzu weit sein, schließlich sehe ich hier kein Reittier.“
Er lachte gequält. „Mein Pferd war so ausgehungert, dass es vor knapp zwei Tagen der Länge nach hinfiel und kurz darauf starb. Es war auch nicht mehr besonders jung... Wie dem auch sei, seitdem schlage ich mich alleine durch und endlich habe ich es geschafft; ich bin am Meer.“
„Am was?“
„Am Meer“, wiederholte der Fremde verwirrt. „Dieses ganze Wasser, das heißt Meer.“ „Wie kommt es, dass Ihr so etwas wisst?“
„Nun, ich bin Gelehrter. Na ja, nicht direkt ein Gelehrter, ich war dabei, einer zu werden“, räumte er ein und grinste leicht beschämt.
„Aha“, murmelte Kaya. Sie ließ ihr Schwert sinken. Anscheinend war dieser junge Mann tatsächlich harmlos.
„Wollt Ihr Euch vielleicht zu mir ans Feuer setzen?“, bot sie ihm an.
„Aber gerne!“, sagte er dankbar und schenkte ihr ein Lächeln.
Kaya reichte ihm eine Schale von der Suppe, die sie mit dem Flusswasser gekocht hatte. Er schlang das Essen gierig in sich hinein.
„Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie gut das tut“, sagte er und ließ einen zufriedenen Seufzer hören.
„Doch, kann ich“, murmelte Kaya und schöpfte ihm noch etwas Suppe in die Schale.
„Nun wisst Ihr schon recht viel von mir, aber Ihr habt mir noch gar nichts von Euch erzählt“, bemerkte Naoto, als er auch die zweite Portion verschlungen hatte.
Kaya zuckte mit den Schultern. „Von mir gibt es nicht viel zu erzählen. Ich bin keine Gelehrte oder so etwas. Ich führe ein langweiliges Leben.“
„Aber Ihr seid doch eine Kämpferin, oder?“
Kaya sah ihn mit verengten Augen an. „Ich wäre es gerne. Vielleicht bin ich es auch, aber wenn, dann kann ich mein Können eindeutig nicht ausnutzen. Bei uns ist es immer nur friedlich gewesen, seit...“ Sie brach ab.
„Seit was?“, fragte Naoto interessiert.
„Seit... seit langer Zeit schon“, wich Kaya aus. Sie dachte nicht, dass es schon an der Zeit war, ihm von der Geschichte zu erzählen, die sie selbst schon erzählen konnte, als wäre es ihre eigene, weil sie ihre Eltern immer und immer wieder angebettelt hatte, ihr noch einmal von Moro, vom Shishigami, von Okoto und von den Samurai zu erzählen. Von Jigo, dem seltsamen Mönch, der in Wirklichkeit in den Diensten des Imperators gewesen war, und schließlich von der Schlacht in dem kleinen Bergdorf, die Schlacht, bei dem der Imperator gestorben war. Und Ichi, Nis älteren Bruder, den sie nie kennen gelernt hatte. „Erzählt doch weiter!“, ermunterte sie Naoto und seine Augen funkelten wissbegierdig. „Wie ist denn nun Euer Name?“
„Kaya“, antwortete Kaya.
„Kaya...“ Er sprach das Wort langsam aus, fast mit Bedacht oder gar Vorsicht, so schien es. „So kurz und doch so klangvoll...“, murmelte er.
Kaya verzog das Gesicht. Was faselte er da?
„Nun ja, und...“, begann sie, doch er unterbrach sie. In seinen Augen erschien wieder dieses wissbegierdige Blitzen. „Was ist denn das?“, fragte er. Bevor sie begriff, machte er in gehockter Haltung einen Schritt auf sie zu, kniete sich direkt vor sie und streckte die Hand nach dem kleinen blauen Kristalldolch aus, den ihr ihre Mutter geschenkt hatte. Sie umfasste ihn mit der Hand und lehnte sich abwehrend zurück.
Er lachte. „Keine Angst, ich will es nicht an mich nehmen. Ich möchte es mir lediglich anschauen. Darf ich?“
Zögernd kam sie wieder näher und ließ den Dolch los. Er nahm ihn in die Hand und drehte ihn, sodass er im Schein des Feuers funkelte.
„Was für ein schönes Schmuckstück...“, sagte er.
„Es ist mehr als das. Es ist ein Dolch“, bemerkte Kaya und verzog erneut das Gesicht. Konnte man das nicht sehen?
„Ja, natürlich“, murmelte er. Dann ließ er den Dolch wieder los und sah ihr in Gesicht. Seine Nähe war Kaya unangenehm. Sie rutschte ein Stück zurück. Er begriff und kehrte an seinen alten Platz zurück.
„Weshalb seid Ihr hier draußen?“, fragte er.
„Ich... nun ja... ich möchte mir die Welt ein wenig ansehen“, gestand Kaya. Naoto schüttelte den Kopf. „Dazu ist es kein guter Zeitpunkt. Zu gefährlich.“ „Das könnt Ihr ruhig mich entscheiden lassen!“, fauchte Kaya.
Er sah sie erschrocken an. „T... tut mir Leid. So war das nicht gemeint. Es war nur eine Anmerkung.“
Kaya knurrte.
Eine Weile saßen sie still da. Dann sagte Kaya: „Es ist schon ziemlich spät. Wir sollten langsam schlafen. Ihr seid sicher erschöpft.“
Er lächelte dankbar. „Ja, in der Tat. Aber sagt mir noch eins...“
„Was?“
„Würdet Ihr es für möglich halten, dass wir uns duzen?“
Kaya dachte kurz nach. Warum eigentlich nicht?, dachte sie dann. Schädlich war es sicher nicht.
„Gut. Tun wir das“, sagte sie. Dann holte sie die dünne Decke aus ihrer Satteltasche. „Hier“, sagte sie und reichte sie Naoto.
„Und mit was wirst du dich zudecken?“, fragte er erstaunt.
Sie zuckte mit den Schultern. „Es ist warm genug. Ich schlafe ohne Decke.“
„Aber das ist doch nicht nötig...“
„Doch, ist es. Ich bin bei voller Gesundheit. Bei dir wäre ich mir da nicht so sicher. Und jetzt nimm die Decke.“
Er nahm sie also. „Danke“, murmelte er.
Kaya winkte wortlos ab. Dann legte sie sich auf die Felsen und schloss die Augen. „Gute Nacht“, sagte sie noch.
„Gute Nacht“, erwiderte Naoto. Dann deckte er sich zu und fiel kurz darauf in einen tiefen Schlaf.

=&=

„Aufwachen!“ Die Stimme klang ziemlich weit weg. Auch das Rütteln an seiner Schulter nahm Naoto kaum war.
„He! Wach auf, Naoto!“
„Wa... wo bin ich?“, murmelte er schlaftrunken und gähnte.
„Vor allem bist du eine Schlafmütze. Es ist beinahe Mittag!“
„Ja, wirklich?“ Er sah zum Himmel. Es stimmte. Die Sonne stand schon fast im Zenit. „Na dann...“ Er stand auf, schüttelte die Decke aus und reichte sie Kaya. Diese packte sie weg.
Sie drehte sich wieder um und wollte gerade etwas sagen, da bemerkte sie Naotos Blick. „Was ist? Habe ich ein Insekt im Gesicht oder so was?“
„Nein, nein, nein“, sagte Naoto und kam näher, ohne den Blick ein einziges Mal von ihrem Gesicht zu nehmen. Er streckte eine Hand aus. Kaya war nahe dran, ihm in die Finger zu beißen.
„Diese Augen...“, murmelte er. Er legte den Kopf leicht schief und starrte sie weiter an. Dann weiteten sich seine Augen auf einma. „Aber das...“ Dann lachte er verzückt auf. „Nein, das glaub ich nicht!“
Kaya sah ihn verwundert, schon beinahe verzweifelt an. Was sollte das werden? Was war das für ein Hokuspokus?
„Was ist mit meinen Augen, Naoto?“, fragte sie scharf.
„Oh, es tut mir Leid. Das muss gerade ziemlich seltsam gewirkt haben“, sagte er und lächelte verlegen.
„Ja, ziemlich seltsam“, sagte Kaya trocken. Eigentlich eher geisteskrank, fügte sie in Gedanken hinzu.
„Ja, entschuldige. Das passiert mir öfter, wenn ich eine solche Entdeckung mache.“ „Entdeckung?! Was denn bitte für eine Entdeckung?“
„Nun, du bist... Du bist eine Emishi, hab ich Recht?“
Dieses Wort durchzuckte Kaya wie ein heißer Blitz. „Das... nun... ja. Aber wie bist du darauf gekommen?“
„Deine Augen. Die Form deiner Augen und dieses tiefe Dunkelblau. Und deine Gesichtsform, die war mir gestern schon aufgefallen, sie war mir so vertraut. Aber das ist nun wirklich seltsam. Ich dachte, euer Volk wäre restlos vernichtet worden.“
„Nein. Mein Vater hat die Abschlachterei überlebt.“ Wieder durchzuckte sie ein heißer Blitz.
„Dein Vater... Darf ich seinen Namen wissen?“
„Ashitaka.“ Und wieder!
„Ashitaka...“ Er ließ sich den Namen wieder so auf der Zunge zergehen, wie den ihren am Vorabend. „Ein seltener Name... Aber er taucht einige Male in der langen Reihe der Emishi-Häuptlinge auf.“ Da blitzten seine Augen wieder. „Warte, warte, warte!“ Wieder kam er ein Stück näher und betrachtete ihr Gesicht. Kayas Gesicht verspannte sich noch etwas mehr.
Wieder lachte er so auf. „Das kann nicht sein! Du bist ja ein Wunderkind!“
Dieses Mal sah Kaya ihn wirklich verzweifelt an.
„Wie du das Gesicht verziehst... Wie du deine Nase krausziehst und die Zähne fletschst... Und deine Art, dieses bissige... Deine Mutter... Ist deine Mutter etwa Prinzessin Mononoke?“
Kaya fletschte die Zähne. „Das ist NICHT ihr Name!“, fauchte sie.
Naoto hob abwehrend die Hände. „Tut mir Leid.“
„Woher weißt du etwas über sie?“
„Wie alt bist du, Kaya?“
„Was?“, fragte Kaya perplex.
„Wie alt du bist.“
„Fünfzehn...“
„Innerhalb von über fünfzehn Jahren spricht sich viel herum. Noch dazu bin ich...“
„Gelehrter, ich weiß“, seufzte Kaya.
Naoto schüttelte den Kopf. „Das ist ja wirklich unglaublich; Ich flüchte vorm Krieg und was finde ich? Die Tochter des letzten Prinzen der Emishi und Prin...“ Er stoppte sich. „Der Wolfsfrau. Das hätte ich mir nie träumen lassen, dass mir das passiert!“
„Du sprichst von mir, als sei ich ein seltener Stein“, murmelte Kaya missbilligend.
„Wirklich, klinge ich so? Das tut mir Leid, ehrlich. Aber nun sag mir doch noch bitte, wo du herkommst?“
„Aus Irontown.“ Kaya biss sich auf die Lippen, als sie wieder der heiße Blitz der Sehnsucht durchzuckte.
„Ist das nicht schrecklich weit entfernt von hier?“, fragte Naoto und runzelte die Stirn. „Nicht zu weit, um her zu kommen“, bemerkte Kaya schnippisch. Was ging denn ihn das an?
Naoto seufzte. Er setzte sich und ließ kurz darauf ein leises Kichern hören. „Ich kann es immer noch nicht glauben...“ Er sah Kaya wieder an. „Man erzählte viel von deinen Eltern, aber dass sie eine Tochter haben, war mir bisher noch nicht untergekommen. Ich wusste ja nicht einmal, dass sie ein Paar sind.“
Kaya erwiderte nichts. Was sollte sie auch sagen?
„Wirst du jetzt einfach wieder nach Hause reiten?“, fragte er nach einer kurzen Stille.
Darauf wusste Kaya keine schnelle Antwort. Das fragte sie sich auch. „Ich weiß nicht... Irgendwie fühle ich mich so... unzufrieden“, murmelte sie. Sie legte sich auf den Rücken und starrte hinauf in den blauen Himmel.
„Mmh...“, brummte Naoto. „Was hast du denn eigentlich gesucht?“
„Ich weiß es nicht so wirklich. Ich wollte einfach weg, etwas erleben. Aber das hier ist alles andere als abenteuerlich. Es wirkt beinahe noch langweiliger als Irontown, auch wenn es wunderschön ist.“
„Und wie wäre es, wenn du wieder nach Hause gingest? Deine Leute machen sich doch bestimmt Sorgen um dich.“
„Ich brauche etwas, was mich auf meine Kosten bringt.“
„Und du meinst, dass du das hier finden wirst?“
Kaya blieb stumm. „Vielleicht nicht hier, aber...“, setzte sie an, aber Naoto fiel ihr aufgeregt ins Wort. „Oh nein, du hast nicht vor, den Krieg zu suchen, oder?“
Kaya sagte nichts, sondern starrte weiter in den Himmel. Sie wusste auch, dass das dumm war. Aber sie brauchte einen Kampf. Bestimmt hielten sie alle für verrückt.
„Glaube mir, wenn du erstmal in den Krieg hineingeraten bist, wirst du nichts anderes mehr wollen als wieder friedlich leben zu können. Aber dann hast du keine Wahl mehr. Sieh mich doch an.“
Kaya sah ihn an. Er war mager, seine Kleider waren zerrissen, sein Gesicht zerkratzt und er hatte tiefe Ringe unter den Augen.
Naoto schüttelte den Kopf. „Krieg ist nicht spannend. Krieg ist schrecklich.“
Kaya schloss die Augen.
Für einige Minuten herrschte Stille.
„Also gut“, flüsterte sie dann. Naoto wurde hellhörig. „Dann gehen wir nach Irontown.“
„Wir?“
Sie sah ihn an. „Ja, wir. Es sei denn, du willst lieber hierbleiben.“
„Nein, nein, nur das nicht! Danke, Kaya, das werd ich dir nicht so schnell vergessen!“
Kaya schüttelte den Kopf. Dann sagte sie: „Morgen früh brechen wir auf. Wir werden wahrscheinlich etwas länger brauchen als ich für den Hinweg gebraucht habe, wenn Shizuka zwei Leute zu tragen hat, aber ich denke, das ist aushaltbar.“




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