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Kapitel 3
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San saß auf dem Dach und starrte Löcher in die Luft. Sie nahm es nur halbwegs wahr, als jemand hinter ihr aufs Dach gestiegen kam.
„San?“
Sie schloss die Augen und biss sich auf die Unterlippe. So weit war es schon gekommen, dass er sie immer erst so fragend ansprach.
„Ja?“, sagte sie leise. Sie spürte, wie er sich hinter sie setzte. Kurz darauf legte er seine Arme um ihre Taille. Und dann berührte er mit den Lippen sanft ihren Hals. Sie lehnte sich an ihn.
„So kann es nicht weitergehen“, flüsterte Ashitaka.
„Ich weiß. Aber ich kann sie doch nicht einfach so vergessen. Sie ist doch unsere Tochter.“
Ashitaka spürte, wie sie zusammenzuckte und hörte, dass ihr Atem etwas schneller ging. „Warum?“, flüsterte sie mit dünner Stimme. „Warum hat sie das nur getan?“
„Wie oft haben wir uns diese Frage schon gestellt? Wie oft haben wir keine Antwort gefunden?“
„Zu oft“, hauchte San und spürte, wie ihr ein paar Tränen die Wangen hinunterliefen. Er zog sie noch etwas dichter an sich und strich behutsam mit seiner Wange an ihrer entlang.
„Ich kann mich einfach nicht damit abfinden, dass sie tot sein soll“, sagte sie mit zitternder Stimme.
„Du musst es aber. Wir müssen.“
Sie schüttelte den Kopf und obwohl sie ihre zitternde Unterlippe fest zwischen den Zähnen einklemmte, entkam ihr ein Schluchzen.
Ashitaka schloss die Augen und drückte sie ganz fest an sich. „Es hat keinen Sinn, San. Ich kann es einfach nicht mehr mit ansehen, wie du dich Tag für Tag quälst. Du machst dich kaputt.“
„Aber ich kann sie doch nicht einfach so aus meinem Gedächtnis löschen!“, flüsterte San. „Das musst du auch nicht. Ich bitte dich lediglich, nicht länger so in deiner Trauer zu versinken. Ich weiß, es ist schwer. Aber es geht nicht anders. Sie kommt nicht zurück.“ Nun konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. Sie drehte sich halb um, vergrub ihr Gesicht in seiner Schulter und schluchzte los.
Ashitaka hielt sie fest und starrte dabei ins Leere.
Als sie sich langsam wieder beruhigte, sagte er sanft: „Komm, San. Es ist sicher besser, wenn du dich hinlegst.“
San nickte halbherzig.
Sie stiegen also vom Dach und gingen ins Haus.
Drinnen angekommen stand San mit gesenktem Kopf da. So viele Erinnerungen geisterten durch ihren Kopf. Und diese Erinnerungen sollte sie nun einfach... abstellen? Sie sollte sich damit abfinden, dass ihr Kind tot war?
Durch ihren Körper fuhr ein Zucken und sie atmete laut und gebrochen ein.
„Nein, San, bitte“, sagte Ashitaka leise und nahm sie erneut in den Arm. Sie klammerte sich schluchzend an ihn.
„Ich kann einfach an nichts anderes denken. Ich schaff es einfach nicht, nicht zu denken, dass ich etwas hätte tun können... müssen... dass ich immer noch etwas tun kann!“, schluchzte sie.
Ashitaka schüttelte den Kopf und wiegte sie langsam hin und her.
„Sie ist doch unser Kind... Wir können sie doch nicht einfach so aufgeben...“, murmelte San, wobei ihre Stimme bebte und sie sich anstrengen musste, die Sätze nicht mit Schluchzern zu durchbrechen.
Ashitaka sagte nichts, er schloss lediglich seine Arme noch etwas fester um sie. Da merkte er auf einmal, wie die Anspanung in ihrem Körper nachließ. Genau genommen schien für einen Moment jegliche Kraft aus ihren Gliedern zu weichen. Ihr entkam ein leises, kraftloses Stöhnen.
„San, was...“ Ihm war klar, dass er keine Antwort zu erwarten hatte und eigentlich brauchte er auch keine. Er fasste sie um die Taille und half ihr vorsichtig dabei, sich hinzusetzen.
Er strich ihr die Haare aus der Stirn. Sie war unglaublich blass.
Sie sah ihn an. „Können wir ihr nicht doch folgen?“, fragte sie flehend. Wenn sie etwas wollte, was sie selbst bewerkstelligen konnte, hatte sie ihn nie um Erlaubnis gebeten. Er schüttelte den Kopf. „Wir haben keine Ahnung, wo sie hin ist, San. Noch dazu herrscht Krieg.“ Er sprach es nicht aus, aber sie wusste, was noch fehlte. Wahrscheinlich ist sie hinein geraten. Wahrscheinlich ist sie tot. Wahrscheinlich hat sie irgendwer aufgespießt. Wahrscheinlich. Und wenn nicht?
„Und was ist, wenn ihr nichts passiert ist?“
„Dann wissen wir immer noch nicht, wo sie ist. San, glaub mir, mir fällt es eben so schwer wie dir, sie einfach aufzugeben. Aber wir müssen. Bitte, versteh das doch.“ Er griff nach ihrer Hand.
Sie sah weg. „Die Menschen sind grausam“, flüsterte sie hasserfüllt. „Nun kämpfen sie schon sechs Jahre. Sechs Jahre töten sie ihre Brüder, zünden ihren Schwestern die Häuser an und sehen nicht, dass es keinen Sinn macht. Sie bekämpfen ihre eigene Gattung. Das ist doch einfach nur bloße Dummheit!“ Sie war immer lauter geworden, zuletzt schrie sie fast und drehte den Kopf wieder zu ihrem Mann. Sie hatte Tränen in den Augen, aber ihr Blick war wild und lodernd vor Hass. Er sah sie ernst an. „Das führt doch zu nichts!“, flüsterte sie.
„Ich weiß, San“, sagte Ashitaka leise und ruhig. „Aber wir können es nicht ändern.“ Er erinnerte sich an das, was Mutter Hii zu ihm gesagt hatte, bevor er damals sein Heimatdorf verließ, um nach Westen zu gehen: „Du kannst deinem Schicksal nicht entgehen, mein Prinz – Aber du kannst ihm mutig entgegentreten.“ Ein wirklich schönes Schicksal.
San erhob sich. Sie ging zur Leiter zum Dachboden und stieg hinauf. Ashitaka folgte ihr. San legte lediglich das Wolfsfell ab, das sie immer noch ständig um den Hals trug. Dann legte sie sich hin.
Ashitaka setzte sich neben sie und strich langsam an ihrem Arm entlang.
San schloss die Augen und atmete tief durch. Dann griff sie nach Ashitakas Hand und drehte sich auf den Rücken, um ihn ansehen zu können.
Einen Moment sahen sie sich in die Augen. San legte eine Hand auf Ashitakas Hals und zog ihn behutsam zu sich heran. Sie richtete sich ein kleines Stück weit auf und küsste ihn. Dann legte sie die Arme um seinen Hals und zog ihn somit mit sich, als sie sich wieder hinlegte.
Es tat unglaublich gut, seine Lippen wieder so zu spüren. Ihn so nah bei sich zu haben und nichts sagen zu müssen, gar nichts, und sich trotzdem zu verstehen und einig zu sein. Sie merkte erst jetzt, wie ihr das in den letzten Wochen gefehlt hatte. Sie hatten sich immer weiter voneinander entfernt.
In diesem Bewusstsein hielt sie ihn so fest und nah, wie sie nur konnte.
Ihre Lippen lösten sich wieder voneinander. Aber ihre Gesichter entfernten sich nicht weiter voneinander als einen halben Zentimeter.
„Ich liebe dich“, flüsterte San.
Ashitaka lächelte. „Ich liebe dich auch“, flüsterte er zurück und küsste sie noch einmal. Dann sah San ihm in die Augen. „Versprich mir“, flüsterte sie, „Versprich mir, dass wir einander nie verlieren werden. Nie. Solange wir leben nicht.“
„Das verspreche ich“, sagte er leise und küsste sie ein weiteres Mal.
Bald darauf schmiegten sie sich aneinander und fielen in einen tiefen Schlaf.

=&=

„Könntest du dich etwas weniger an mich klammern?“, fragte Kaya freundlich.
„Oh, entschuldige vielmals. Ich fürchte nur, ich werde jeden Moment runterfallen“, sagte Naoto.
Kaya verdrehte amüsiert die Augen.
Sie waren nun schon einige Tage unterwegs. Es ging ziemlich gut voran, Shizuka schien so gut wie kein bisschen ihres Tempos einzubüßen aufgrund des gesteigerten Gewichts. „Wie werden deine Leute wohl auf mich reagieren?“
„Wie sollen sie denn reagieren? Wir nehmen Menschen gerne auf. Flüchtlinge ohnehin.“ Kaya lächelte, als sie an Herrin Eboshi dachte. Sie schien immer so kalt und hart, aber hinter dieser Fassade verbarg sich ein gutes Herz.
„Ah, gut“, seufzte Naoto erleichtert.
„Hast du ernsthaft gedacht, ich würde dich mitnehmen, wenn du sowieso vor dem verschlossenen Tor sitzen müsstest?“
Stille.
„Nun... Um ehrlich zu sein, habe ich darüber nicht wirklich nachgedacht“, sagte Naoto und lachte nervös.
Kaya schüttelte den Kopf.
„Wie kannst du dich hier nur zurechtfinden?“, fragte Naoto kurz darauf bewundernd und sah sich im scheinbar gleichbleibenden Wald um.
„Ich weiß nicht. Mein Herz kennt den Weg. Und Shizuka auch“, lachte Kaya.
Naoto grinste in sich hinein.
„Sag mir“, begann Kaya und Naoto war sofort ganz Ohr, „Nach allem, was man so hört, hält dieser Krieg nun schon seit sechs Jahren Einzug. Wie kommt es, dass euer Dorf erst so spät hinein geriet?“
Naoto blieb kurz still, dann sagte er langsam: „Na ja, das ist so: Der Kern des Geschehens ist Kyoto, die Hauptstadt und der Kampf ist darum herum alles andere als ausufernd, soll heißen, eigentlich ist das Land im Ganzen nicht wirklich betroffen.“
Aha!, dachte Kaya. Also hatte Takashi Unrecht gehabt; der Krieg herrschte also nicht im ganzen Land.
„Und die Adelsfamilien... du weißt, wie es zu dem Krieg kam, oder?“
Kaya zögerte, doch dann schüttelte sie den Kopf. „Nein.“
„Also, das kam so: Der jetzige Kaiser, Ashikaga Yoshimasa, hatte lange keinen direkten Erben, also keinen Sohn. Da aber jemand nach seinem Ableben die Herrscherposition einnehmen muss, legte er fest, dass sein Bruder nach ihm regieren solle. Doch wie es der Zufall manchmal will, wurde ihm etwa ein Jahr, nachdem er seinem Bruder dieses Recht erteilt hatte, ein Sohn geboren. Er wollte seinen Entschluss zurückziehen und seinen Sohn auf den Thron setzen, allerdings war sein Bruder damit verständlicherweise alles andere als einverstanden und es entbrannte ein Streit. Die gut betuchten Familien des Landes bekamen davon Wind und nahmen dies als Gelegenheit war, sich selbst bis zum Thron zu kämpfen. Sie warben einfache Leute an, um an ihrer Seite zu kämpfen, sodass bald beide Seiten knapp hunderttausend Kämpfer versammelt hatten, darunter sogar auch ausgebildete Soldaten. Sie bezogen Stellung in und um Kyoto und bald darauf, 1467, vor etwa sechs Jahren also, begann der Kampf, der Krieg, das Töten, nenn es, wie du willst. Zwei Seiten hatten sich gebildet, die Adelsfamilien hatten sich je einer der Seiten angeschlossen, entweder der der Yamana oder der der Hosokawa. Und seitdem führen sie einen verbitterten Kampf, dessen Ursache wahrscheinlich längst der Großteil von ihnen vergessen hat.“
„Und wie war das nun mit deinem Dorf?“
„Nun, dadurch, dass sie natürlich viele Kämpfer verlieren, Tag für Tag, brauchen sie ständig neue und werben von daher nun auch Kämpfer aus Gebiten an, die weit fern der Hauptstadt liegen, wenn es sein muss, auch mit Gewalt. So kamen sie auch zu unserem Dorf. Aber wir wollten nicht. Zuerst wurde ihnen das Tor vor der Nase verschlossen, dann konnte sich einzelne von uns nicht mit Beschimpfungen zurückhalten. Schließlich brachen sie das Tor auf. Und dann brach das Chaos aus. Wir wehrten uns mit aller Kraft. Wir sind keine Kämpfer. Nicht, dass wir dazu zu feige wären...“ Er hielt inne. „Oder zumindest sind es die meisten von uns nicht“, murmelte er. Seinem Tonfall war anzuhören, dass er sich selbst zu den Feiglingen zählte. Kaya sah ihn über die Schulter an. Er wich ihrem Blick aus.
„Na ja, wie auch immer“, sagte er und räusperte sich. „Aber wir halten viel vom Frieden. Noch mehr, wir würden alles tun, um ihn zu erhalten. Kaum einer bei uns vermag es, ein Schwert zu führen, die Frauen ohnehin nicht.“ Bei diesen Worten verzog sich Kayas Gesicht grimmig. Natürlich, die Frauen wieder. Die Frauen durften sich im Ernstfall nicht wehren können, sie mussten sich beschützen lassen von den ach so starken und mutigen Männern.
„Trotz dieser Vorsätze wehrten wir uns. Mit allem, was wir hatten, sogar mit Reissäcken schlugen einige auf die berittenen Männer in Rüstung ein. Deshalb töten sie viele Frauen und Kinder. Einigen von uns gelang es, zu fliehen. So auch mir. Ich nehme an, dass sie die anderen in Ketten nach Kyoto führen werden.“
Kaya sah sich ein weiteres Mal um. Sein Gesicht war verspannt. Seine Stirn war gerunzelt und es war sichtbar, dass er hinter den fest verschlossenen Lippen die Zähne zusammen biss.
Er bemerkte, dass sie ihn ansah und mit einem Mal wich aller Ärger und Hass aus seinem Gesicht und er lächelte sie an. „Alles in Ordnung“, sagte er, weiterhin lächelnd. „Ich dachte nur, mir wird schlecht bei diesem Schaukelgang.“ Sein Lächeln war wirklich überzeugend. Kaya sah wieder weg.

=&=

„Megumi!“
Megumi wandte sich um und sah Toki auf sich zu laufen. Sie klang aufgeregt.
„Was ist denn los?“
„Ist Takashi im Wald?“
„Nein. Wieso?“
Tokis Gesicht entspannte sich erleichtert. „Ich war gerade beim Wachturm“, erzählte sie. „Kondo sagt, er sieht eine große Gruppe Reiter auf die Stadt zukommen. Sie stecken in Rüstung. Wir wissen nicht, was sie wollen, aber es ist besser, wenn alle in der Stadt sind, sagt die Herrin.“
„Reiter? Was können die hier wollen?“
„Ich weiß es auch nicht.“ Toki lachte. „Weißt du, was meine Kleine gesagt hat?“
Megumi lächelte. „Nein, was denn?“
„Sie sagte, vielleicht sind das ja ganz arme Soldaten, die Herrin Eboshi um Hilfe bitten wollen. Und wenn das so ist, wird sie allen einen Blumenkranz flechten, sagt sie, als Willkommensgeschenk.“
„Nein, wie niedlich!“, rief Megumi aus und lachte.
Toki nickte lächelnd. Dann wurde ihr Gesicht auf einmal ernst und sie fragte: „Warst du gestern bei San? Ich habe es gestern nicht geschafft.“
„Ja, ich war am Nachmittag kurz bei ihr. Ach, sie tut mir so Leid. Wenn ich nur daran denke, dass mir das auch passieren könnte...“ Sie schüttelte den Kopf. „Und wie liebevoll Ashitaka sich um sie kümmert. Er liebt sie wirklich sehr.“
Toki nickte. „Ja, in der Tat. In den letzten Tagen sah sie wirklich schrecklich aus, es wird anscheinend immer schlimmer. Ich hatte ja die Hoffnung, sie würde es langsam akzeptieren, aber...“ Sie zuckte mit den Schultern.
„Sie wird es irgendwann schaffen. Da bin ich mir sicher. Sie ist stark.“
Toki nickte. „Ja. Das ist sie.“

San stand an der Feuerstelle und kochte Reis. Ashitaka stand hinter ihr und hatte seine Hände auf ihre Hüfte gelegt.
Stumm machten sie das Essen fertig und setzten sich an den Tisch. Am Tisch redeten sie zwar leise, aber recht viel. Ashitaka war froh darüber. Anscheinend ließ sie es nun wenigstens zu, sich von Kaya ablenken zu lassen.
Sie waren gerade fertig, da wurde der Vorhang in der Türöffnung eilig beiseite gerissen und Toki sah zu ihnen hinein. Ihr Gesichtsausdruck war gehetzt und sie war offensichtlich aufgeregt und ziemlich wütend.
„Ashitaka, San! Schnell, kommt raus!“
„Was ist los?“, fragte Ashitaka und stand auf.
„Gerade ist eine Reitertruppe eingetroffen. Sie kommen aus Kyoto.“




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