Startseite
  Archiv
  Kapitel 1
  Kapitel 2
  Kapitel 3
  Kapitel 4
  Kapitel 5
  Kapitel 6
  Kapitel 7
  Kapitel 8
  Kapitel 9
  Kapitel 10
  Kapitel 11
  Kapitel 12
  Gästebuch
  Kontakt
 


 
Links
   keMonono - Originalseite

http://myblog.de/fanfic2

Gratis bloggen bei
myblog.de





 

=&===&===&=
Kapitel 5
=&===&===&===&=

Sie brauchten länger, um aufzuholen, als Kaya anfangs erwartet hatte. Doch dann erreichten sie mitten in der Nacht die Spitze eines Hügels und am Fuße dieses Hügels erkannten sie ein mittelgroßes Lager.
Kayas Gesicht verspannte sich vor Wut, als sie sah, dass die Leute aus Irontown alle unter freiem Himmel schliefen, mit Ketten um die Fußgelenke. Ein paar Zelte standen geschickt positioniert zwischen den schlafenden Menschen.
„Komm“, flüsterte Kaya Naoto zu, dann gab sie Shizuka ein Zeichen, damit sie weiterging. Langsam und sorgfältig darauf bedacht, kein Geräusch zu machen, arbeiteten sich die beiden Steinböcke den Hügel hinunter.
Unten angekommen stiegen Kaya und Naoto ab. Kaya strich Shizuka über die weiche Schnauze. „Geht wieder nach Irontown, Shizuka“, flüsterte sie.
Der Steinbock schnaubte leise.
„Mir wird schon nichts passieren. Und jetzt geht, ihr beiden.“
Shitu ließ sich etwas schneller überreden; nach einem kurzen Moment folgte ihr Shizuka schließlich, nachdem sie Kaya einige herzzerreißende Blicke zugeworfen hatte.
„Und jetzt?“, fragte Naoto im Flüsterton.
„Jetzt suche ich meine Eltern“, sagte Kaya, während sie sich schon umsah. „Ich glaube, dort hinten sind sie.“
Sie setzte sich langsam in Bewegung und setzte die Füße vorsichtig zwischen den ganzen Menschen.
Auf einmal packte sie eine kalte Hand am Fußgelenk und brachte sie fast zu Fall. Als sie sich erschrocken umsah, erkannte sie Takashi am Boden. Sofort ging sie in die Hocke.
„Takashi...“
„Was zum Teufel machst du hier?“, fragte Takashi. Er hatte sich aufgerichtet.
„Wir haben beschlossen, uns dem Zug anzuschließen.“
„Wir?“
In diesem Moment ging Naoto neben Kaya in die Hocke. Takashi zog die Nase kraus. „Wer ist der denn?“, fragte er abschätzig.
„Das ist Naoto. Ich habe ihn auf meiner Reise getroffen.“
Takashi lachte bitter. „Ach ja, deine Reise. Sehr lang ist sie ja nicht gerade ausgefallen.“
Kayas Gesicht verspannte sich. Wie konnte er nur so gemein sein. Sie hatte eine lange Strecke zurückgelegt, um unter anderem ihm zu helfen. Und das war der Dank?
„Tragt ihr die Ketten die ganze Zeit?“, fragte Naoto.
Takashis Kopf wirbelte herum, sodass Naoto zusammenschrak. „Nein, nur nachts, damit wir nicht rennen können. Tagsüber haben wir Wachen zu allen Seiten, da brauchen wir sie nicht. Aber nachts sind sie zu faul, um Wachen aufzustellen, deshalb ketten sie uns die Füße zusammen, diese Schweine. Vor zwei Nächten hat Souta einen Fluchtversuch unternommen. Natürlich haben sie ihn erwischt. Er wurde ausgespeitscht. Sein Rücken ist eine einzige klaffende Wunde. Reicht das als Antwort?“ In Takashis Stimme lag so viel Bitterkeit, dass es Kaya für einige Augenblicke die Sprache verschlug.
Dann fragte sie: „Takashi, weißt du, wo meine Eltern sind?“
„Da hinten“, antwortete Takashi und zeigte irgendwo zwischen seine Bekannten und Freunde. „Deiner Mutter haben sie den Schmuck aus den Ohren gerissen. Der würde sie nur behindern, sagten sie.“ Er sprach durch die Zähne. Eine Hand hatte er fest zur Faust geballt, sodass seine Knöchel weiß hervortraten.
Kaya spürte den Hass in sich aufsteigen. Sie atmete tief ein. Nicht aufregen. Nicht durchdrehen. Sei gelassen. Ganz ruhig. Sonst bringst du dich und andere in Gefahr.
Sie nickte also bloß knapp und sagte dann an Naoto gewandt: „Würdest du hier auf mich warten?“
Naoto nickte. Dann bemühte er sich, den misstrauischen Blicken des Fünfzehnjährigen neben sich auszuweichen.
Kaya bahnte sich ein weiteres Mal einen Weg durch die regungslosen Körper. Sie war noch nicht ganz am Ziel, da erkannte sie schon, dass ihr Vater nicht schlief. Seine Augen glitzerten im Mondlicht.
Sie näherte sich noch um einige weitere Schritte, dann trat sie auf einen trockenen Ast und Ashitakas Blick huschte sofort von den Sternen zu ihr. Dann starrte er sie an, die Zeit schien still zu stehen. Er bewegte sich nicht, er starrte sie nur an. Dann richtete er sich langsam auf, wobei er den Blick nie von seiner Tochter nahm.
Kaya kam näher. Ihr war auf einmal mulmig zumute. Vor ihrem Vater ging sie in die Hocke.
„Kaya?“ Er klang so fassungslos, dass Kaya unwillkürlich tief Luft holte.
„Ja. Ich bins. Ich kam nach Hause und dann habe ich erfahren, dass...“ Weiter kam sie nicht. Auf einmal brannten ihr Tränen in den Augen und sie konnte nicht verhindern, dass sie aufschluchzte.
Hastig wischte sie die Tränen weg und sagte mit leicht zitternder Stimme: „Es tut mir Leid, dass ich einfach so verschwunden bin. Ich hab es einfach nicht ertragen können, dass ich möglicherweise etwas verpasse, während ich in Irontown sitze und nichts tue. Das war egoistisch. Ich weiß, dass ihr alle euch schreckliche Sorgen gemacht habt und auch, dass ihr mich für tot gehalten habt... das alles hätte nicht passieren dürfen und es tut mir wirklich Leid.“ Ihr Kopf war gesenkt, ihre Stimme tonlos. Sie erkannte erst jetzt langsam, welche Konsequenzen ihre Abwesenheit in Wirklichkeit gehabt hatte. War sie am Ende sogar Schuld daran, dass die Soldaten nach Irontown gekommen waren? Eine Strafe der Götter vielleicht? Kayas Unterlippe zitterte.
Als es still blieb, presste sie die Augen zu. Was hatte sie bloß angerichtet?
Und dann spürte sie auf einmal zwei Arme, die sich um ihren Rücken legten und sie an einen warmen Körper zogen.
„Es tut mir Leid, Papa, es tut mir Leid“, flüsterte sie und spürte eine einsame Träne an ihrer Wange entlanglaufen.
„Es ist in Ordnung, Kaya“, flüsterte Ashitaka beruhigend. „Ich bin so froh, dich wiederzusehen.“
„Ich auch“, murmelte Kaya und kuschelte sich an ihn.
Kurz darauf ließ er wieder von ihr ab und sah ihr in die Augen. „Du wirst immer schöner“, sagte er lächelnd.
Hinter ihm bewegte sich etwas. Sie hatten kaum Zeit, ihre Augen auf San zu richten, da hatte diese sich schon umgedreht und fassungslos „Was...?“ gehaucht.
Sie starrte ihre Tochter an, als wäre diese ein Geist.
„Kaya...? Aber...“ Sie richtete sich auf, so gut es ging. Kaya musste an sich halten, um nicht augenblicklich wütend das Gesicht zu verziehen, als sie die Schlitze in den Ohrläppchen ihrer Mutter sah.
San sah sie weiterhin so starr an. Ihre Augen waren geweitet. Dann streckte sie eine Hand nach Kaya aus. Kaya rückte ein Stück näher. Kaum hatten Sans Fingerspitzen Kayas Hemd berührt, breitete sich ein seltsamer Ausdruck auf Sans Gesicht aus. Sie sah mit einem Mal unglaublich glücklich aus, gleichzeitig wirkte sie, als wäre sie nie trauriger gewesen; Kaya meinte sogar Spuren von Wut im Gesicht ihrer Mutter zu erkennen. Sie näherte sich San noch ein Stück.
„Wo hast du nur gesteckt?“, flüsterte San fassungslos. Sie klang nicht vorwurfsvoll oder bedauernd oder in einer anderen Weise anklagend, aber diese Worte waren spitz wie ein Messer, das Kaya ins Herz gerammt wurde.
„San...“, sagte Ashitaka leise. Er klang beinahe ermahnend. Beinahe.
San streckte ein weiteres Mal ihre Arme aus und zog ihre Tochter dann an sich, genau wie Ashitaka vor ihr.
„Ich dachte du wärst tot. Ich dachte, du wärst mir einfach weggenommen worden. Oh, Kaya“, flüsterte San und presste Kaya so fest an sich, als hätte sie Angst, irgendetwas könne sie ihr noch einmal entreißen.
Konnte es. Und viel war dazu gar nicht nötig.
„Verdammt! Da hat einer seine Ketten entfernt!“, rief eine laute Stille. Kaya fuhr herum. Vor einem der Zelte stand ein hünenhafter Mann und starrte zu ihr hinüber. Dann setzte er sich in Bewegung und kam auf sie zu.
„Ein Mädchen?!“, grunzte er, als er grob ihr Kinn zwischen die Finger geklemmt hatte. Er schleuderte Kaya wieder zu Boden und zog sein Schwert. „Wir können hier keine Weiber brauchen! Die eine reicht!“
Ashitaka und San setzten sich entsetzt auf und rückten näher an ihre Tochter. In diesem Moment kam von irgendwo zwischen den Menschen eine andere Stimme: „He! Hier ist noch einer!“
„Bring ihn her!“, rief der erste Soldat. Inzwischen waren noch andere aus ihren Zelten gekommen.
Zwei Männer schleppten Naoto herbei. Eine grobe Hand packte Kaya bei der Schulter und riss sie hoch.
„Lasst sie los!“, rief Ashitaka.
Als Antwort versetzte einer der Soldaten ihm einen festen Tritt. San fletschte die Zähne. „Peitscht den Kerl da aus! Die hier wird entsorgt, wir brauchen keine Weiber in unseren Reihen! Unfähiges Pack!“
Irgendwann reißt auch der längste Geduldfaden. Kaya wand sich und vergrub ihre Zähne in der Hand des Riesen, der sie noch immer festhielt. Er schrie überrascht auf. Diesen Moment nutzte Kaya, um ihr Schwert zu ziehen.
„Kaya! Nein!“, rief Ashitaka.
Kaya hielt dem großen Mann ihr Schwert an den Hals. „Wer ist hier unfähig? Ich kann kämpfen! Wahrscheinlich besser als Ihr es vermögt! Also entweder ihr akzeptiert mich, wie ich bin oder Euer lächerliches Soldatenleben endet an dieser Stelle!“, schrie sie.
Ist sie denn des Wahnsinns?!, dachte Naoto entsetzt, als er das hörte.
„Hört mich an!“, rief er.
„Was hast du schon zu sagen?“, fuhr ihn einer der Soldaten an, die ihn festhielten.
„Ich bitte euch, lasst mich das hier erklären, es liegt ein Missverständnis vor, ich schwöre es!“
„Sprich!“, befahl ein anderer und wie auf Kommando schleuderten die Soldaten zu seinen Seiten ihn auf den Boden. Er blieb auf allen Vieren, den Kopf gesenkt.
„Wir kamen her in der Absicht, uns eurem Zug anzuschließen. Wir fühlen uns verpflichtet, uns dem Kampf für Gerechtigkeit anzuschließen. Es ist noch nicht lange her, da wir zu euch stießen. Das ist der Grund, weshalb wir keine Ketten tragen.“ Inzwischen waren fast alle wach und hörten und sahen zu. Naoto sah auf. „Kaya, bitte, lass das Schwert sinken“, sagte er und warf ihr einen flehenden Blick zu.
Langsam und skeptisch senkte Kaya die Waffe und steckte sie zurück in die Lederscheide an ihrem Gürtel. Der Wandschrank rieb sich erleichtert den Hals.
„Ihr müsst entschuldigen. Sie neigt zu gewaltigen Wutausbrüchen, ihr psychischer Zustand ist instabil.“
„Ihr... was?“, fragte einer der Soldaten. Ein anderer versetzte ihm einen festen Schlag auf den Hinterkopf.
„Aber kämpfen kann sie wie keine andere, das garantiere ich euch mit meinem Leben“, sprach Naoto weiter. Seine Nase berührte inzwischen beinahe den Boden.
Der Wandschrank überlegte. Anscheinend hatte er das Sagen oder übernahm es zumindest für diesen Moment. Dann sagte er: „Du hast eine seltsame Ausdrucksweise. Wie darf man das verstehen?“
„Ich bin Gelehrter“, antwortete Naoto wahrheitsgemäß. Kaya meinte zu sehen, dass seine Nase nun tatsächlich am Boden klebte.
Die Soldaten brachen in gröhlendes Gelächter aus. „Ein Gelehrter?! Was soll ein Gelehrter auf dem Schlachtfeld? Reden schwingen anstelle eines Schwertes, was?“
„Was geht hier vor?“, rief eine laute, befehlsgewohnte Stimme. Ein mittelgroßer Mann trat zu der Soldatengruppe, die augenblicklich verstummt war. Er hatte ein markantes, jedoch gleichmäßiges und schönes Gesicht. Seine Statur und sein Gang wirkten majestätisch.
„Wir haben zwei Eindringle gefunden, Hauptmann“, antwortete der Wandschrank. Er überragte den Befehlshaber um mindetstens zweieinhalb Köpfe, und doch schien er starr vor Ehrfurcht.
„Mir scheint, ihr habt die Lage nicht ganz im Griff, wie?“, fragte der Hauptmann schneidend.
„Nun, äh... der Bursche hier behauptet, er sei ein Gelehrter und wir dachten uns...“
„Ach, Blödsinn! Seit wann kann Soldatenpack wie ihr denken? Das Weib da ist intelligenter als ihr alle zusammen!“, fuhr ihn der Hauptmann an und nickte zu San hinüber.
„Jawohl, mein Herr!“, rief der Wandschrank. Nun hielt ihn Kaya wirklich für dumm. Was für ein mechanisches Verhalten.
„Sag mir, Gelehrter“, sprach der Hauptmann Naoto an, „Welche waren deine Absichten, als du dich auf den Weg machtest, um zu uns zu stoßen?“
„Ich möchte Euch mit allen meinen Fähigkeiten zur Seite stehen, mein Herr.“
„Die da wären?“
„Nun, ich kann kämpfen. Nicht sonderlich gut, für wahr, aber ich wage doch zu behaupten, dass ich eine Klinge besser führen kann als so mancher Bauer es vermag.“
Der Hauptmann überlegte kurz, dann fragte er: „Verstehst du etwas von Heilkunst?“
„Nun... ja, ein wenig.“
„Mehr als vom Kämpfen?“
„Ich weiß nicht, ob ich das beurteilen kann...“
„Ja oder Nein?“
„Ich denke... ja.“
„Gut. Du wirst dich um die Männer kümmern, die im Kampf verwundet wurden.“ Damit drehte sich der Hauptmann zu Kaya. „Und du? Weshalb bist du hier?“
Kaya sah nicht ein, warum sie wie Naoto ein paar falsche Fakten um die Wahrheit spinnen sollte. „Ich bin hier, um meine Leute im Kampf zu unterstützen“, sagte sie schlicht und starrte dem Hauptmann in die Augen.
Das schien ihn zunächst, wie beabsichtigt, ein wenig zu verwundern.
„Geh gefälligst auf die Knie, wenn du mit dem Hauptmann sprichst!“, fauchte einer der Soldaten.
„Ich sitze im Dreck, reicht dir das nicht?!“, fauchte Kaya sofort zurück.
Der Hauptmann grinste und bedeutete dem Soldaten gelassen, sein Schwert wieder wegzustecken. Sein Untergebener knurrte unwillig, aber er gehorchte. „Ich denke einfach, man sollte dieser Göre ein paar Manieren beibringen, Hauptmann!“, sagte er erklären.
San fletschte wieder die Zähne.
„Manieren sind doch ein Fremdwort für jemanden wie dich“, wies ihn der Hauptmann kühl zurecht.
„Wie alt bist du, Mädchen?“, fragte der Hauptmann weiter.
„Fünfzehn.“
„Das ist recht jung. Und doch willst du schon in die Schlacht ziehen?“
Kaya musste nicht lange für ihre Antwort nachdenken. „Mich bezeichnet Ihr als jung, aber einen Jungen, der über ein halbes Jahr jünger ist als ich, bezieht ihr mit Gewalt ein? Findet Ihr das nicht auch ein wenig seltsam?“
Det Hauptmann lächelte süffisant. „Kannst du mir diesen Jungen zeigen?“
„Gern!“, rief Kaya. Ruckartig stand sie auf und stapfte durch die Bewohner Irontowns, die ihr alle nachsahen, zu Takashi hinüber, packte ihn am Arm und zog ihn in den Stand.
„Kaya, was soll das? Ist dir klar, was du hier mit mir machst?“, flüsterte Takashi verärgert.
Kaya gab keine Antwort. Stattdessen rief sie: „Hier ist er! Bin ich nun immer noch zu jung? Weil ich eine Frau bin?“
Der Hauptmann starrte sie ernst an. Fast schon wütend.
„Ich glaube, du hast es übertrieben“, flüsterte Takashi. Kaya verzog das Gesicht und grub ihm ihre Finger in die Schultern, sodass er aufkeuchte.
„Nun gut, da du anscheinend darauf bestehst. Ich habe mich bloß gewundert, was ein Mädchen wohl am Kampf findet“, sagte der Hauptmann gleichgültig.
Kaya verkniff sich eine weitere freche Antwort. Sie ließ Takashi los und ging langsam wieder zu ihren Eltern.
Der Hauptmann setzte sich in Bewegung. Für ihn war die Sache abgeschlossen. Gerade als er an Kaya vorbei kam, sagte er: „Gut. Sie bleiben hier. Zusätzliche Kräfte können wir gut gebrauchen. Fesselt sie und lasst sie etwas schlafen, morgen liegt wieder ein langer Marsch vor uns.“
Kaya funkelte ihn an.
Auf einmal verspürte sie einen starken Schmerz an ihrer linken Wange. Langsam drehte sie den Kopf wieder um. Der Hauptmann sah sie eiskalt an. „Langsam solltest du dich wieder etwas abregen, Mädchen. Dir sollte dein Platz klar werden“, sagte er.
Kaya wandte wütend den Blick ab. Nun musste sie es sich schon bieten lassen, von ignoranten fremden Männern geschlagen zu werden.
Die Soldaten kicherten leise. Als Kaya sich neben ihre Eltern setzte und sich von den Soldaten die Füße zusammenketten lassen musste, sah San aus wie ein blutdürstiges Tier. Ihr Körper zitterte vor Wut.
Die Ketten waren kalt und telweise scharfkantig, sie scheurten an Kayas Knöcheln und pressten ihre Füße so fest aneinander, dass Kaya sich fragte, ob ihr die Dinger am Ende nicht sogar die Adern zuquetschten.
Naoto wurde auch gefesselt und legte sich irgendwo zwischen die Gefangenen.
„Wer ist dieser junge Mann?“, fragte San im Flüsterton.
„Ich traf ihn auf meiner... Reise“, murmelte Kaya, „In seinem Dorf waren die Soldaten auch, er floh von dort. Er überredete mich, zurückzugehen...“
„Und er ist Gelehrter?“
„Ja. Er weiß wirklich verdammt viel, man könnte direkt neidisch werden.“ Kaya kicherte. Ihre Mutter lächelte.
Kayas Gesicht wurde wieder ernst. „Takashi ist wirklich ziemlich sauer. Es scheint, als könne er mir nie mehr vergeben. Dabei hab ich ihm doch gar nichts getan.“
„Nun ja...“
„Jaja, ich weiß!“, flüsterte Kaya ärgerlich und drehte sich weg.
San streckte eine Hand aus, aber dann entschied sie sich anders und ließ ihre Tochter in Ruhe. Bald darauf schlief sie ein.

=&=

Die Sonne brannte gnadenlos vom Himmel. Eng beieinander und zu allen Seiten umgeben von berittenen Soldaten quälten sich die Menschen aus Irontown den unbefestigten Pfad entlang.
Geredet wurde für gewöhnlich nur sehr wenig, die Kraft musste für den Fußmarsch aufgespart werden, zumal der Hauptmann von Zeit zu Zeit zu größerer Eile antrieb. Kaya ging zwischen ihren Eltern und Takashi. Naoto hatte sie am Morgen aus den Augen verloren, aber heute Abend würde er sicher wieder irgendwo auftauchen.
„Sag mal Kaya, hat dir deine Reise denn eigentlich irgendein Ergebnis eingebracht?“, fragte Takashi unüberhörbar sarkastisch.
Kaya schluckte die aufsteigende Wut hinunter und antwortete gelassen: „Oh ja, durchaus. Nachdem ich den Wald verlassen hatte, kam ich ans Meer.“ Mit einem Mal wünschte sie sich zurück an diesen wunderbaren Ort, mit dem vielen, klaren Wasser, das nach Salz schmeckte, den seltsamen Vögeln und dem weichen Sand.
„Das Meer?“, fragte Takashi verdutzt.
„So nennt man die Wassermasse, die das Land umgibt“, sagte Ashitaka, bevor Kaya zu einer Erklärung ansetzen konnte. Seine Tochter sah ihn verwundert an. „Du wusstest davon?“, fragte sie.
„Ich habe früher mal davon gehört. Gesehen habe ich es noch nie.“
Daisuke, der neben seinem Sohn ging, nickte. „Ja, davon wurde uns erzählt, als wir noch Kinder waren. Man sagte uns, es sei wunderschön.“
Kaya nickte eifrig. „Ja, das ist es! Das Wasser ist so klar und doch hat es einen wundervollen grünlich blauen Farbton. Und dort gibt es große weiße Vögel, die die ganze Zeit einen unmelodischen und doch auf seltsame Weise angenehmen Ruf von sich geben. Und die Luft dort ist wirklich etwas Besonderes. So klar und frei von irgendwelchen Schadstoffen, dass sie einem beim Einatmen beinahe den Hals sprengt.“ Kaya lachte fröhlich.
„Ich glaube, im Vergleich zu der Luft in Irontown, ist fast alles andere, was du an Luft vorfinden kannst, klar und frei von Schadstoffen“, sagte San mit einem schiefen Grinsen. In ihrer Stimme lag verwunderlicherweise etwas wie eine Spur von Bitterkeit.
Takashi schien ein wenig beleidigt, nicht mitreden zu können. Wie immer zog das eine seltsame Bemerkung nach sich. „Na ja, so schön kann es dann doch nicht sein, schließlich bist du ja wieder nach Hause gekommen.“
Kaya grinste.
Ab da verlief die Reise wieder still. Kaya hatte einige Zeit zum Nachdenken und ihr wurde irgendwie erst jetzt so richtig bewusst, was sie hier tat. Die ganze Zeit war sie nur von dem Gedanken besessen gewesen, ihren Eltern und all den anderen zu helfen, sie zu unterstützen, ja, einfach nur bei ihnen sein zu können. Doch nun, da sie hier war und die Anspannung in den Gesichtern der anderen sah, den Ernst, die Grübelei, das starre und konsequnte Verhalten der Soldaten, da wurde ihr zum ersten mal wirklich deutlich: Sie zog in eine riesige Schlacht. Ein Spiel um Leben und Tod, in dem es keine Regeln gab. Vielleicht würde sie sterben. Oder ihr Vater oder ihre Mutter, Takashi, sie alle konnten durch eine ungeschickte Bewegung oder einen kurzen Moment der Unaufmerksamkeit von einem einzigen Schwertstrich oder einem einzelnen Pfeil getötet werden. Sie konnte einfach so ihr Leben verlieren... und wofür? Für nichts! Seltsamerweise machte ihr das keine so große Angst, wie sie schon oft gedacht hatte. Sie hatte sich für diesen Weg entschieden und sie würde ihn bis zum Ende gehen, egal, wie dieses Ende aussah.

An diesem Abend stießen sie auf Zufluss eines großen Stroms. Das Lager wurde aufgeschlagen, wer das Bedürfnis dazu verspürte, konnte sich waschen. Als Ashitaka sich nach dem kurzen Bad wieder anzog, kam ein Soldat an ihm vorbei. Der Mann warf ihm einen Blick zu, kurz darauf weiteten sich seine Augen. Seine Hosen hatte er bereits wieder angezogen, nur sein Oberkörper war noch unbedeckt und das schien in irgendeiner Weise der Grund für das Entsetzen im Gesicht seines Gegenübers zu sein. Der Soldat näherte sich ihm einige Schritte, dann drehte er sich um und rief: „Schnell, kommt her!“
Kurz darauf erschienen gleich mehrere Soldaten. Ashitaka verzog die Augenbrauen. Was sollte denn dieses Theater?
Bevor er sich weiter mit dieser Frage befassen konnte, packte der erste Soldat seinen rechten Arm und hielt ihn in die Höhe, sodass die anderen ihn gut sehen konnten. Inzwischen standen schon recht viele Leute bei ihnen und musterten die Soldaten skeptisch. „Seht euch das an!“, rief der erste Soldat.
„Was denn?“, fragten mehrere seiner Kameraden gleichzeitig.
„Da, diese Verfärbungen, seht ihr das nicht? Er ist verflucht!“
„Was geht hier vor, was soll dieser Auflauf?!“, ertönte die verärgerte Stimme des Hauptmanns. Er schob sich durch die Menschenmenge.
„Dieser Mann hier ist verflucht, Herr!“, berichtete der Soldat, der noch immer Ashitakas Arm umklammert hielt.
„Ach, tatsächlich? Darf man fragen, woher du diese seltsame Erkenntnis auf einmal nimmst?“, fragte der Hauptmann und klang dabei ein wenig gelangweilt.
„Da sind diese blassen Zeichnungen auf seiner Haut...“
Der Hauptmann besah sich Ashitakas Arm genauer und sein Blick verhärtete sich. Dann kam er etwas näher. Mehr beiläufig befahl er: „Lass ihn los, du fürchtest dich vor ein paar Narben, Dummkopf!“
Sofort ließ der Soldat los, wobei er „Verzeihung, Hauptmann!“ rief.
Dieser legte nun den Kopf schief und blickte Ashitaka dabei unentwegt in die Augen. Ashitaka erwiderte den Blick. „Soso... dann ist es also wahr, ja?“, fragte der Hauptmann leise. „Der letzte der Emishi... geplagt von einem Fluch, bis der große Gott des Waldes ihn heilte.“
Ashitakas Gesicht verhärtete sich.
„An sich ein wenig schade, dass es tatsächlich nur Narben sind... schließlich heißt es, der Fluch hätte Euch einst unvorstellbare Kraft verliehen“, sagte der Hauptmann.
„Ich glaube nicht, dass ihr das wirklich wünscht. Denn wäre es so, hätte ich euch schon getötet“, sagte Ashitaka.
Die Augen des Hauptmanns verengten sich, dann drehte er sich um und ging davon. „Nun, das alles ändert überhaupt nichts, wie sollte es auch. Morgen früh brechen wir wieder auf. Und löst diese Versammlung hier auf!“, rief er im Weggehen.
Langsam löste sich die Menschengruppe wieder auf.
Kaya kam zu ihrem Vater gelaufen.
„Was war denn los?“, fragte sie leise.
„Nichts weiter. Ein kleines Missverständnis“, antwortete Ashitaka freundlich und zog den tiefblauen Stoff über seine Arme.

Die Reise zog sich. Zwar hatten die Soldaten irgendwann damit aufgehört, ihnen Ketten anzulegen, aber noch immer kam man sich vor wie in einem Gefängnis oder etwas noch Schlimmeren. Trotzdem marschierten sie die Tage stramm durch, wobei das Tempo immer weiter angezogen wurde. Der Hauptmann schien immer nervöser.
Kaya war aufgefallen, dass einige Soldaten mit skeptischen Blicken zumeist einen großen Abstand von ihrem Vater hielten. Ashitaka ignorierte das völlig.
An einem Abend saß Kaya leicht abseits vom Lager. Sogar das war schon erlaubt. Scheinbar erwartete niemand mehr allen Ernstes, dass irgendwer zu deletantischen Handlungen ansetzen würde.
Sie hob kleine Steinchen vom Boden und schleuderte sie vor sich. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie Naoto erst bemerkte, als er bereits neben ihr saß.
„Eine schöne Nacht“, sagte er und lächelte sie an.
„Ja...“, murmelte Kaya.
„Über was denkst du wieder nach?“
„Genau genommen geht dich das nichts an...“
Naoto lachte leise. „Gut, wie du meinst.“
Es blieb kurz still, dann murmelte Kaya: „Ich weiß nicht, was ich mir gedacht habe...“
„Was?“
„Ich ziehe in den Kampf, um meine Lieben zu unterstützen, zu beschützen...“
Aha, sie wird einsichtig!, dachte Naoto.
„Aber... ich finde keinen Weg, all diese Menschenleben aufrecht zu erhalten... in so einem großen Kampf...“
Naoto seufzte. Er hatte sich ihre Einsicht ein wenig anders vorgestellt.
Wieder entstand eine kurze Stille. Dann streckte Naoto seine Hand aus und umschloss damit die ihre. Kaya zuckte zusammen.
„Sieh mal...“, sagte Naoto leise und legte den Kopf schief. „Mit jedem Atemzug erhälst du ein Menschenleben aufrecht... ist dir das nicht genug?“
Kaya sah ihn empört an.
„Denkst du etwa so?! Das ist mehr als nur egoistisch!“
„Aber es ist so“, sagte Naoto ruhig, „Im Kampf kannst du sowieso nur auf eines achten: Entweder auf dich oder auf die anderen. Und glaube mir, es ist besser, das erste zu tun. Du kannst andere nicht dadurch beschützen, dass du dich selbst freizügig opferst. Und wenn es noch so großmütig und tapfer ist.“
Kaya blickte zu Boden und schwieg. Sie presste die zitternden Lippen aufeinander. Auf einmal flüsterte sie: „Doch, kann man.“
„Wie bitte?“
Sie sah ihn wieder an. Ihre Augen glänzten nass. „Doch, kann man. Aus diesem Grund trage ich meinen Namen.“
Naoto zog die Augenbrauen schief. „Was soll denn das heißen?“
„Im Dorf meines Vaters lebte ein Mädchen... Kaya. Und als meine Eltern vor etwa sechzehn Jahren dorthin ritten, um das Dorf gegen den damaligen Herrscher zu schützen, warf sich Kaya im Kampf zwischen meinen Vater und das Schwert eines Soldaten. Sie starb, um ihn zu retten. Von ihr stammt auch ursprünglich das hier.“ Sie nahm behutsam den Kristalldolch an ihrem Hals in die Hand.
Naoto blieb kurz still. „Ich habe davon gehört...“, sagte er dann. „Man erzählt viel, wie du inzwischen weißt... Aber die genauen Details habe ich nie erfahren. Aber das war es nicht, was ich meinte. Ich meinte, dass du durch deinen Kampf niemanden schützen kannst. Meistens nicht. Das ist kein kleiner Kampf zwischen zwei feindlichen Dörfern, in den wir hier ziehen. Das ist ein Krieg. Ein Krieg, der bereits seit sechs Jahren Einzug hält. Früher oder später wirst du ganz auf dich allein gestellt sein. Und wenn du dich dann nur darauf konzentrierst, dass jemand anderes sterben könnte, wirst du selbst sterben. Also sei um Himmels Willen egoistisch, verstanden?“
Kaya zitterte. „Warum?“, hauchte sie. „Warum passiert sowas? Warum schlagen sich die Menschen gegenseitig nur dauernd die Köpfe ein? Was macht denn das für einen Sinn?“ Naoto seufzte. „Das habe ich mich auch schon oft gefragt. Aber ich kann es dir nicht beantworten. Und weißt du was? Ich wette mit dir, dass das niemand kann.“
Kaya schluckte. Erst jetzt merkte sie, dass Naoto ihre Hand immer noch festhielt. Sie drückte seine Hand. Und dann fielen ihr ein paar Tränen aus den Augen und schlugen auf den steinigen Boden.
Naoto legte ihr den freien Arm auf den Rücken.
Takashi trat zwischen den Menschen hervor und sah die beiden. Er blieb stehen. Er spürte, wie sich alles in ihm verkrampfte. Was sollte das, was machten sie da? Er konnte das alles nicht verstehen, wollte es nicht verstehen. Hatte sie ihn ersetzt? Durch irgendeinen dahergelaufenen Sonderling, der behauptete, ein Gelehrter zu sein? Takashis Fäuste ballten sich. Sie waren doch schon immer beste Freunde gewesen... wie konnte sie das tun? Wie konnte er das tun? Wie konnte er es wagen, sich einfach so zwischen sie zu schieben?
Er machte einen Schritt vorwärts, doch da spürte er eine Hand auf seiner Schulter. Er drehte sich um. Da stand sein Vater und zwinkerte ihm zu.
„Lass sie, Takashi. Ist doch schön, dass sie jemanden wie ihn gefunden hat.“
„Jemanden wie ihn?!“
„Ja. Jetzt sag bloß, du hast noch nicht gemerkt, was da läuft.“ Sein Vater lachte leise und ging wieder.
Takashi war sprachlos. Dann spürte er die Wut in sich aufsteigen. Der Kerl war doch mindestens zwanzig! Wie konnte sie...
Takashi biss sich auf die Lippe, drehte sich ruckartig um und ging davon. Die Wuttränen, die ihm in den Augen standen, wischte er weg. Wie auch immer. Es gab zurzeit ernstere Dinge. Wahrscheinlich war es besser, wenn er sich weder um Kaya noch um diesen Naoto weiter kümmerte.




Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung