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Kapitel 6
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Hatten sich die ersten Tage und Wochen noch so gezogen, so gingen die letzten Tage wie im Fluge um.
Kaya spürte die Veränderung der Luft, eines Tages sahen sie hinter den hohen Bäumen eine weit entfernte Rauchfahne in die Luft steigen.
„Es riecht nach Tod“, flüsterte San eines nachts, dass es Kaya einen eisigen Schauer den Rücken hinabjagte.
Alle schienen äußerst unruhig. Oder doch zumindest die meisten. In den Augen mancher erkannte Kaya dasselbe Gefühl, das auch sie selbst erfüllte. Ihr war vollkommen klar, was vor ihr lag. Und doch mangelte es ihr scheinbar an der nötigen Vorstellungskraft, um irklich aufgeregt zu sein.
Ihre Eltern ließen sie nicht mehr aus den Augen und schliefen nachts immer so nah es ging bei ihr. Auch las Kaya die ständige Besorgnis in ihren Augen.
Und dann... eines Tages war es soweit. Kaya roch im leichten Wind den metallischen Geruch von Blut, meinte, Ruß zu identifizieren und erkannte eine Spur von Schweiß. Doch was sie vor allem roch, war die Angst. Das unsichtbare Grauen. Nicht zu sehen, im Grunde eigentlich noch nicht einmal riechbar und doch so undurchdringlich und zäh, dass man schier darin zu ersticken drohte. Und da merkte Kaya auf einmal, dass auch endlich sie davon ergriffen worden war.
Der Hauptmann machte der Truppe klar, wie alles ablaufen würde. In der Nacht würden sie zu ihren Leuten stoßen. Sie hätten wahrscheinlich einige Stunden Zeit zu schlafen. Er prüfte, ob alle Waffen bei sich trugen. Bei all dem schien er zwar sehr diszipliniert und geordnet, doch merkte man ihm eine leichte Anspannung an.
Naoto, so hieß es, würde man in ein für die Krankenpflege zuständiges Zelt bringen. Auch wäre es zu viel erwartet, zu denken, in der Nacht würde weniger als am Tage oder sogar gar nicht gekämpft, so salbaderte der Hauptmann.
Als die Nacht hereinbrach, machten sie sich auf den Weg. Bald waren ferne Schreie zu hören, das Geklirr von Waffen und beißender Rauch betäubte ihnen die Riechzellen.
Die Menschen im Lager waren sichtlich hoch erfreut über die Verstärkung. Naoto trennte man sofort ab und führte ihn weg. Kaya warf ihm einen kurzen Blick nach. Takashi runzelte die Stirn.
Man schickte sie in ein sehr großes Zelt, in dem sie einige ruhende Soldaten fanden. Kurz nachdem Kaya sich hingelegt hatte, fiel sie einem unruhigen Schlaf.

=&=

Sie wurde geweckt von einem Paar großer Hände, das grob an ihr rüttelte.
„Los, aufstehen! Wir brauchen da draußen jeden Mann!“
Kaya richtete sich verschlafen auf. Als sie einigermaßen gut sehen konnte, bemerkte sie, dass der Mann noch immer vor ihr stand.
„Ein Mädchen?“, fragte er ungläubig.
Kaya schüttelte ihre kurzen Haare und schritt an ihm vorbei.
Während sie lief, sprach sie im Stillen auf sich ein. Es ist wie der Übungskampf mit Takashi, sagte sie sich. Du musst nur darauf achten, dass... Takashi... der Gegner... Takashi... Takashi, er hatte immer gegen sie verloren, seine Chancen standen nicht sehr gut...
Kaya rammte sich einen Faust gegen die Stirn. Hör auf, an Takashi zu denken! Und wenn du dich dann nur darauf konzentrierst, dass jemand anderes sterben könnte, wirst du selbst sterben. Also sei um Himmels Willen egoistisch, verstanden?
Ja... Naoto hatte Recht, er musste Recht haben... egoistisch... es gab keinen Takashi, keinen Vater, keine Mutter, keine Freunde... es gab nur sie selbst, Kaya.
Kaya biss die Zähne zusammen, atmete tief ein und beschleunigte ihren Schritt.
Als sie zwischen den Zelten hindurch sehen konnte, bot sich ihr ein grausames Bild: Menschen, Tausende von Menschen, die zwischen den Trümmern einer riesigen Stadt ihren Gegenüber erdolchten, zerschnitten, aufschlitzten oder mit einem Pfeil erschossen. Kyoto... das also war Kyoto.
Ein Pfeil zischte direkt neben ihrem Gesicht vorbei und riss einen Kratzer in ihr Ohr. Kaya keuchte und spürte Tränen, die ihr über den beißenden Schmerz in die Augen stiegen. Sie sah sich hastig um und meinte den Schützen zu identifizieren. Sie packte ihren Bogen, zog einen Pfeil, zielte, schoss...
Ein Schrei, ein weiterer Todesschrei, der sich unter die unzähligen anderen mischte, ertönte, und der Bogenschütze fiel zu Boden.
Kaya hatte gar nicht bemerkt, dass sie inzwischen innerhalb der Stadtmauern von Kyoto stand. Dafür aber andere Menschen. Einer dieser Menschen stürzte auf sie zu und sie hatte gerade noch Zeit, ihren Bogen überzustreifen und ihr Schwert zu ziehen.
Sie duckte sich unter dem Schlag weg und war für einen Moment vor Schreck nicht in der Lage, sich zu bewegen. Das Schwert sauste ein weiteres Mal auf sie nieder. Sie blockte ab und wusste mit einem Mal, was das hier wirklich bedeutete: Sie musste töten, alles und jeden, das ihr gefährlich werden könnte, oder sie würde getötet werden. Ohne Kompromisse.
Sie stemmte sich mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, gegen den Druck. Der Mann wirkte überrascht über ihre Stärke und sein Widerstand lockerte sich ein wenig. Seine Überraschung nutzte Kaya, um ihr Schwert wegzuziehen und es mit einem Schrei vor sich zu schwingen. Sie spürte den Widerstand, hörte, wie Stoff riss und ein fleischiges Geräusch.
Der Mann fiel röchelnd zu Boden.
Kaya starrte noch einen Moment schwer atmend auf ihn hinunter, dann spürte sie ein seltsames Gefühl in sich aufsteigen. Ein Gefühl der Macht, das Wissen, dass sie sich gegen erwachsene Männer wehren konnte, dass sie sie im günstigen Fall leicht töten konnte.
Als ein weiterer auf sie zu stürzte, war sie vorbereitet und rammte ihm ihr Schwert in den Bauch, bevor er überhaupt die Gelegenheit hatte, sie wirklich zu attackieren. Blut schoss aus der tiefen Wunde und ein weiterer lebloser Körper fiel zu Boden.
Etwas drängte Kaya zum Angriff. Zur Jagd, zum Töten. Also umfasste sie ihr Schwert fester und stürmte vorwärts.
Auf der kurzen Strecke schossen ihr unzählige Gedanken durch den Kopf. Das war es also, das war der Kampf, das Töten, es war das, was sie sich immer gewünscht hatte – ein Abenteuer. Doch irgendwie brachte es bisher mehr schlechte Seiten mit sich als gute...
Es wirkte wie selbstverständlich, dass sie ihre Angreifer erstach oder einfach nur durchtrennte, es geschah wie in Trance. Wie eine Selbstverständlichkeit. Das, woran sie dachte, befand sich hier irgendwo mitten in dieser riesigen Schlacht... Takashi, ihre Eltern, Daisuke, Naoto, all diese Bewohner Irontowns, diese kannte und liebte und... und das Glück. Das Glück schien wie weggewischt.
Und auf einmal fühlte sich Kaya, als gäbe es nur einen Weg, dieses Glück, ihr altes Leben, dem sie immer zu entfliehen versucht hatte, wieder zu bekommen. Sie musste all diese Menschen töten. All diese Menschen, die sie töten sollte. Und nicht selbst sterben. Nicht selbst sterben. Und keinen der anderen sterben lassen. Überleben. Sie musste überleben, egal, was sie dafür tun musste.

San konnte sich nicht daran erinnern, jemals so viele Schnittwunden gehabt zu haben, jemals so oft so knapp dem Tod entronnen zu sein. Sie konnte sich nicht konzentrieren. Sie konnte einfach nicht, ständig musste sie an Kaya denken. Sie hatte solche Angst, ihr Kind zu verlieren. Doch genau das schien ihr auch im Kampf zu helfen, schien ihr zusätzliche Kraft zu geben.
Aus dem Schnitt in ihrem Oberarm war anfangs recht viel Blut gelaufen. Nun klebte ihr gesamter Schwertarm.
Ihr war schon aufgefallen, dass die meisten dieser Kämpfer ziemlich leicht zu besiegen waren. Viele waren auch noch ausgelaugt. Gut für sie. Aber sie wusste, dass es ihr bald auch so gehen würde.

Takashi war der Verzweiflung nahe. Warum, warum musste er immer solches Pech haben? Hier liefen überall kraftlose Kämpfer herum und er musste unbedingt von einem kergesunden, hünenhaften Muskelprotz angegriffen werden. Gut, er kämpfte nicht gerade sehr elegant, aber das hob seine Stärke ohne Probleme auf.
Takashi keuchte vor Erschöpfung, während er immer weiter zurückwich, darauf bedacht, jeden Schlag zu blocken.
Und auf einmal sah er eine Gelegenheit. Ein Felsbrocken und dahinter ein Mauerwerk. Wenn er es schaffte, irgendwie dahinter zu springen...
Er blockte ein weiteres Mal, dann schlug er mit einem erschreckenden Schrei zurück, sodass er den Überraschungsmoment nutzen konnte, um mit einem Hechtsprung hinter den Felsen zu flüchten. Dann begann er zu laufen. Hinter sich hörte er den Riesen etwas murmeln.
Er drehte sich um, um zu sehen, was der Kerl machte. Er schien nicht besonders scharf auf eine Verfolgungsjagd zu sein.
Gut!, dachte Takashi erleichtert.
Da spürte er auf einmal einen schneidenden Schmerz in der Taille. Er schrie auf und riss den Kopf nach vorne.
Der Schmerz zwang ihn zu Boden, aber er erkannte vor sich eine schemenhafte Gestalt, die zu einem weiteren Schlag ausholte. Takashi richtete sich halb auf und rammte sein Schwert mit aller Kraft nach vorne. Er hörte einen angestrengten Laut, dann das Geräusch eines Aufpralls.
Das war das Letzte, was er hörte. Dann verließen ihn die Sinne.

Die Soldaten waren kein Problem. Man sah zum Großteil ihr Gesicht nicht und sie waren alle nur dafür ausgebildet, zu vernichten – sie hatten es sich zum Beruf gemacht, Menschen zu töten. Es machte ihr kein schlechtes Gewissen oder sonst etwas, wenn sie einem von denen die Kehle durchschlug. Doch Kaya hatte festgestellt, dass es ihr teilweise Probleme machte, die Bauern zu töten. Dieses seltsame Mitgefühl hatte ihr bereits einen Schnitt im Bein eingebracht.
Sie wurde aus ihren Gedanken geschreckt, als sie hinter sich Schritte hörte. Sie wirbelte herum und holte aus – aber sie blockte den Schlag nur. Dann starrte sie ihren Gegenüber verwirrt an. Für einen Moment hatte sie ihn doch tatsächlich für Takashi gehalten. Vor ihr stand ein Junge, den sie noch um etwa einen halben Kopf überragte. Er starrte sie verbissen an, während er gegen ihren Druck anhielt. Ein Schweißtropfen lief ihm am Gesicht hinunter.
Kaya sah ihn immer noch verwundert an.
Dann erwachte sie langsam aus ihrer Trance. Irgendetwas in ihr redete ihr ein, dass sie diesen Jungen nicht töten wollte.
Nein? Nein. Bestimmt nicht? Nein. Warum nicht? Er ist noch ein Kind. Na und, er ist der Feind! Bist du denn wirklich sein Feind? Oder wurdest du in diese Rolle gezwungen? ... Ihr Gehirn schaltete ab. Sie konnte diesen Jungen nicht töten. Ganz einfach.
„Lauf. Lauf einfach weg, sonst muss ich dich töten!“, sagte sie, so ruhig es ging.
„Ich laufe nicht! Ich laufe nicht vor einem Mädchen davon! Ich werde dich töten!“ Seine Stimme zitterte vor Anspannung. Trotzdem war ohne Probleme bemerkbar, dass es noch eine Kinderstimme war. Eine wirkliche Kinderstimme, nicht so eine, die langsam ein wenig tiefer wurde und dann zu schwanken begann, so wie die von Takashi. Kaya verstärkte ihren Druck. Lauf doch einfach wg! Ich will dich nicht töten!, dachte sie fieberhaft.
Der Junge keuchte auf. „Was tust du?!“, ächzte er überrascht.
Kaya starrte ihn an. Sie wollte ihn irgendwie verscheuchen. Darauf besessen, ihn irgendwie wegzujagen, achtete sie nicht mehr auf ihren Schwertarm.
Der Junge zog sein Schwert weg und holte schreiend aus.
Gerade noch rechtzeitig konnte Kaya blocken.
Auf einmal spürte sie in sich einen Drang aufwallen. Den Drang, diesen Wicht loszuwerden – wirklich loszuwerden. Töten... sie musste töten, sonst würde man sie töten.
Sie stieß den Arm des Jungen weg und schnitt durch die Luft.
Durch einen Sprung nach hinten rettete der Junge sein Leben. Aber er hatte einen langen blutigen Kratzer in der Seite.
Sein Gesicht war schmerzverzerrt.
„Du...“ hauchte er.
„Es tut mir Leid...“, murmelte Kaya und streckte eine Hand aus.
Sie hörte nur ein surrendes Geräusch hinter sich, dann einen Schmerz in der Schulter. Die Wucht ließ sie nach vorn wanken. Ein Pfeil hatte sie getroffen.
Sie stöhnte laut auf und ihre Hand fuhr nach hinten.
Das gab dem Jungen die Gelegenheit. Er stürzte nach vorn, sein Schwert vor sich haltend.
Kayas Hand sauste von ihrem Rücken zurück an ihr Schwert.
Und dann ging alles ganz schnell, zu schnell.
Kaya holte aus, um zu blocken, der Junge schlug an ihrem Schwert vorbei und verletze sie leicht. Und reflexartig versetzte Kaya ihm einen Hieb.
Der Junge holte überrascht Luft.
Dann sank er auf die Knie. Sein Schwert fiel zu Boden. Seine Hände fuhren nach oben und er klammerte sich an Kayas Beine.
Dann glitt er langsam zu Boden. Er drehte noch einmal den Kopf und sah zu Kaya hinauf. „Ich... du hast... wa... warum?“, flüsterte er. In seinen Augen schimmerten Tränen. „Mama...“, hauchte er mit zittriger Stimme. Dann stockte sein Atem mit einem Mal. Seine Augen weiteten sich.
Und dann wich alles Leben aus seinem Körper.
Kaya spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Was hatte sie getan? Was hatte sie nur getan?! Sie hatte ein Kind getötet! Ein Kind!
Wie grausam... wie grausam und schrecklich das doch alles war. Das hier war nicht Kyoto. Das konnte nicht die Hauptstadt sein. Das hier war die Hölle.
Und wieder spürte Kaya Wut in sich aufsteigen, Wut auf diejenigen, die für das hier verantwortlich waren.
Je länger sie auf den toten Jungen hinabsah, desto schneller rannen ihr die Tränen aus den Augen.
Dann drehte sie sich um.
Durch ihre verschleierten Augen sah sie einen berittenen Mann. Er trug ausschließlich rote und schwarze Kleidung.
Ein Mann auf einem Pferd... er musste in irgendeiner Weise das Sagen haben... er gehörte dazu... er gehörte mit zu der Gruppe, die das hier verantworteten, da war sich Kaya ganz sicher.
Sie nahm ihren Bogen.
Dann griff sie sich an die Schulter und zog den Pfeil mit einem Ruck heraus. Ein beißender Schmerz war die Folge. Kaya biss die Zähne zusammen.
Sie blinzelte einige Male, um klare Sicht zu bekommen. Dann legte sie an, zielte so genau wie sie nur konnte... die Sehne spannte sich... warmes Blut hatte die Kleidung unterhalb ihrer Wunde durchtränkt... Gleich würde dieser Kerl büßen... büßen für alles, was er ihr und all diesen Bauern angetan hatte...

Durch zwei dünne Schlitze blickte er auf dreckigen weißen Stoff – Leinen... und es war ein ganzes Stück entfernt, nicht direkt vor seiner Nase.
Er stöhnte laut auf, als er den schrecklichen Schmerz in der Taille spürte.
„Du hast Glück gehabt“, sagte eine Stimme, „Ein bisschen höher und es hätte dir die Lunge zerrissen. Dann könnte man dir wahrscheinlich nicht mehr helfen.“
Diese Stimme... woher kannte er diese Stimme? Außer ihr hörte er jetzt auch andere Geräusche. Leise Schmerzensschreie, Stöhnen, Schritte. Es roch metallisch und irgendwie auch pflanzlich... das metallische war Blut, das konnte er inzwischen sofort erkennen.
„Wo... bin ich?“, presste er hervor.
„Im Krankenlager. Und jetzt wäre es besser, wenn du den Mund hälst, Takashi.“
Krankenlager... ja, stimmte ja, er war verwundet... aber... halt, Moment mal...
„Woher... aah...“, stöhnte Takashi, als ein stechender Schmerz ihn durchzuckte. „Mein Name... woher kennst du meinen Namen?“
Als Antwort schob sich ein Gesicht in sein Blickfeld.
Noch nie gesehen... halt, nein...
Takashi öffnete die Augen noch ein kleines Stück. Als er das Gesicht erkannte, entfuhr ihm noch ein Stöhnen.
„So schlimm sehe ich nun auch wieder nicht aus“, murmelte Naoto.
„Ansichtssache“, quetschte Takashi durch die Zähne.
„Was?“
„Aaah... verdammt... mach was gegen diese Schmerzen, ich halt das nicht aus!“
„Ich bin gerade dabei. Aber du musst endlich mal still und den Mund halten.“
„Hmm...“
Kurz arbeitete Naoto still weiter. Takashi biss die Zähne zusammen, während ihm die Geräusche der anderen Verletzten in den Ohren lagen, genauso wie das Tönen des Kampfes auf dem nahen Schlachtfeld.
Takashi riss die Augen auf.
„Kaya!“, rief er.
Naoto war darauf vorbereitet. „Um Kaya musst du dich nicht weiter sorgen. Sie ist auch unter den Verletzten.“
„Was?! Ist sie schwer verletzt?“
„Nein, es wird bald wieder gehen, sie schwebte nie in Lebensgefahr. Alles im grünen Bereich. Und wenn du jetzt endlich mal still liegst, wird dir das auch ziemlich schnell wieder so gehen.“
Takashi entkrampfte sich wieder ein wenig. Er versuchte sich an etwas zu erinnern. Da war dieser große Kerl gewesen... er war geflüchtet, da war noch einer gewesen... aber den hatte er doch getötet, oder?
Ach ja, er hatte ihn vorher verwundet, so herum stimmte es wieder...
Aber wie war er hierher gekommen... Er hatte sich doch auf dem Schlachtfeld befunden...
„Wie...?“
„Ich hab gesagt, du sollst den Mund halten.“ Naoto klang ein wenig ungehalten.
Takashi spürte die heiße Wut in sich aufsteigen. Er musste sich nicht von einem dahergelaufenen Halbidioten den Mund verbieten lassen... schon gar nicht, wenn dieser dauernd um Kaya herumstrich. Aber er hielt den Mund trotzdem. Er fühlte sich auf einmal so schwach wie noch nie.
„Als sie dich fanden, hattest du schon einiges an Blut verloren“, sagte Naoto da, während er irgendetwas äußerst Schmerzhaftes an Takashis Wunde machte.
Takashi biss die Zähne zusammen.
„Mh... das Reinigen der Wunde wird nicht ohne Schmerzen verlaufen...“
„Oh, dann bin ich beruhigt.“
Naoto sah ihn ein wenig verwundert an. „Hör mal, ich hab dir nichts getan. Ich versuche, dir zu helfen.“
Takashi erwiderte nichts.
Naoto wandte sich mit einem Schulterzucken ab und nahm die Schüssel Wasser, die er sich bereitgestellt hatte. Dann zog er langsam und vorsichtig Takashis Hemd nach oben. Takashi konnte nicht verhindern, dass er zitterte vor Schmerz.
Naoto beäugte die Wunde ein weiteres Mal und sagte dann: „Ich denke, wenn du keinen Blödsinn machst, wird es morgen zumindest wieder auszuhalten sein. Wenn es sich nicht entzündet.“
„Aha...“
Naoto lächelte verlegen. „Ich weiß, das klingt bestimmt nicht sehr ermutigend.“ Dann nahm er ein Tuch und tauchte es in die Wasserschüssel. Er tupfte vorsichtig das Blut um Takashis Wunde weg. Und dann tat er etwas, das Takashi Tränen in die Augen trieb; er tauchte das Tuch noch einmal ins Wasser und tupfte dann vorsichtig die Wunde aus. „Zum Glück ist nicht zu viel Dreck hinein gekommen“, murmelte er.
Takashi war derweil voll und ganz darauf konzentriert, nicht in Tränen auszubrechen, doch hin und wieder entfuhr ihm ein Keuchen oder Stöhnen und einmal sogar ein Schrei. Naoto klemmte seine Unterlippe zwischen seine Zähne. „Tut mir Leid“, murmelte er. „Ich habs gleich.“
Takashi beruhigte das nicht im Geringsten. Das war ja schließlich erst der Anfang.
Nach dem Tuch kamen irgendwelche Flüssigkeiten, die höchstwahrscheinlich pflanzlich waren und höllisch brannten. Einmal roch es sehr scharf. Ein wenig wie Sake.
„Was ist das?“, fragte Takashi leise.
„Alkohol. Damit sich nichts entzündet.“
„Das brennt fürchterlich, lass das!“
„Das muss sein, Takashi. Sonst wirst du am Ende nie mehr richtig gesund und kannst Kaya nicht beisteh...“ Er stoppte zu spät.
„Was? Was kann ich Kaya?“
„Ich habe nichts über Kaya gesagt.“ Naoto wandte sich ab. Verdammt!
Als er sich wieder umdrehte, fuhr es Takashi eiskalt den Rücken hinunter. Eine Nadel.
„Was... was soll denn das werden?“, fragte er.
„Ich muss die Wunde zunähen... Sieh mich nicht so entsetzt an, ich kann doch nichts dafür! Ich bin auch vorsichtig.“
Die Einstiche in das empfindliche Fleisch schmerzten so unerträglich, dass Takashi fortwährend die Luft anhielt, ohne es bewusst zu merken. In seinem Kopf hämmerte es, er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.
Noch ein Stich... noch einer... nur noch einer, das ist der Letzte... nur noch einer... und noch einer...
Takashi glaubte sich schon gar nicht mehr selbst, aber er sah keine andere Möglichkeit, sich abzulenken oder Hoffnung zu machen.
Nach einer Ewigkeit, so schien es ihm, war der letzte Stich endlich getan.
Jeder Atemzug tat ihm weh. Die Wunde brannte.
Naoto wusch sich die Hände. „Jetzt muss sie noch ausheilen“, sagte er. „Ich verbinde dich noch, dann hast du es geschafft.“
Er nahm ein langes weißes Tuch und kam damit zu Takashi zurück. Dann half er ihm dabei, sich aufzusetzen.
Der Verband war schnell angebracht.
Takashi schloss die Augen und atmete auf.
Naoto sagte: „Stell dich mal hin.“
Vorsichtig stieg Takashi von der Liege und stellte sich auf. Die Wunde zog ein wenig und er verzog das Gesicht, aber dann ging es wieder.
Naoto lächelte zufrieden. „Na also.“
Er nahm die Wasser schüssel und kippte das Wasser in einen Sammelbehälter.
„Naoto?“
„Ja, was ist?“
„Kaya... Kaya ist nicht unter den Verletzten, hab ich Recht?“
Er bekam keine Antwort. Naoto drehte sich nicht um.
„Naoto?“
„Nein. Nein, ist sie nicht.“

San sah, wie ein Mann mit einem Aufschrei von seinem Pferd fiel.
Sie schenkte dem nicht weiter Beachtung. Ein weiterer Toter... Naja, wenigstens war es einer der Obersten gewesen.
Sie konzentrierte sich wieder auf den Kampf, so gut sie konnte. Ihre Wunden schmerzten. Sie hätte sich mehr im Hintergrund halten sollen.
Sie ärgerte sich für ihre Feigheit. Was für ein Blödsinn! Diese paar Kratzer würde sie wohl aushalten.

Kaya starrte mit einem grimmigen Grinsen zu dem scheuenden Pferd, als der – wie Ni gesagt hätte – Mann in der Blechbüchse von dem Tier zu Boden stürzte.
Wie hätte sie zu diesem Zeitpunkt auch ahnen können, dass die Folgen etwas ausufernder sein würden.
Eine knappe Viertelstunde später ertönte ein Signalhorn und ein Mann in Rüstung, der in Kayas Rücken stand, rief: „Rückzug! Alle Yamana: Rückzug!“
Yamana... Das musste wohl die Partei sein, für die sie hier kämpfte... Rückzug? Bitte, wenn sie das unbedingt wollten, sie hatte nichts dagegen, im Gegenteil.
Viele Menschen starteten einen Rückzug, wobei einige sich unebdacht umdrehten und so vielfach ermordet wurden.
Immer mehr und dichter flüchteten die Yamana vom Schlachtfeld.
Als Kaya im Lager ankam, wurde sie angewiesen, sich hinter ein bestimmtes Zelt zu begeben, dort würde augenblicklich eine Verammlung stattfinden.
Es hatten sich schon mehrere hundert Menschen eingefunden, die meisten waren schwer scharmariert – und gewöhnliche Bauern.
Sie alle saßen, bis auf sechs Männer in Rüstung; einer von ihnen war der Mann, der die Truppe mit den Leuten aus Irontown angeführt hatte.
Als sie meinten, dass sich genug Menschen versammelt hatten, trat einer von ihnen, wohl der oberste Befehlshaber, vor und sprach: „Ein Spion hat uns soeben zugetragen, dass Yamana Sõzen, unser Führer, gerade von einem Pfeil getroffen wurde und auf diese Weise umkam. Wir müssen uns beraten. Darüber, was nun getan werden soll. Wir werden kleine Truppen aufstellen, um das Lager abzusichern. Bis wir über alles Weitere entschieden haben, werden aus unseren Reihen keine aktiven Kampfhandlungen hervorgehen, verstanden?“
Die Menge murmelte ein halbherziges „Verstanden!“.
Jeder machte sich seine ganz eigenen Gedanken zu der ganzen Sache, das sah man an den Gesichtern.

=&=

Kaya lag in der Nacht wach. De kalte Nachtluft kroch durch die Zeltwände und sie hatten keine Decken. Es war nicht gedacht, dass die Zelte vollgestopft und wirklich als vollzeitiges Nachtlager verwendet wurden.
Man hatte die Menschen in Gruppen unterteilt, zum Großteil waren jeweils die Leute zusammengesteckt worden, die aus demselben Dorf kamen. Man erhoffte sich, auf diese Weise Streitereien zwischen den eigenen Leuten aus dem Weg zu gehen.
Kaya lag also da, tief in ihre Gedanken versunken, da ging direkt neben ihr jemand in die Hocke. Als sie aufsah, meinte sie ihren Vater zu erkennen.
„Kaya?“ Ja, das war er.
„Ja, ich bin wach.“
„Hör zu, wir haben einen Plan für morgen früh erarbeitet.“ Er sprach schnell und im Flüsterton.
Ach, das war also die ganze Zeit das Gewispere und Geflüstere gewesen.
„Einen Plan? Für morgen früh? Wo... wozu denn?“ Kaya gähnte herzhaft und bedeckte ihren Mund mit einer Hand. Erst jetzt bemerkte sie ihr enormes Schlafdefiziet wirklich.
„Jetzt, da sich der Kampf ein wenig gelegt hat, haben wir Gelegenheit, von diesem Lager aus alle miteinander zu fliehen. Es ist nicht weit bis zum Wald, wir müssen es nur bis dorthin schaffen. Dann können wir wieder nach Hause.“
„Mh-hm...“
„Kaya, hast du mir überhaupt zugehört?“
„Ja... ihr habt vor, morgen zu türmen... Hast du Takashi schon Bescheid gesagt?“
Es blieb still.
„Papa? Hast du es ihm gesagt?“
„Takashi ist nicht hier.“
„Was? Wie... also... was soll das heißen, er ist nicht hier?“
„Er befindet sich nicht hier unter den Leuten. Wir müssen wohl davon ausgehen, dass er...“
Er sprach nicht weiter.
„Nein...“
Ashitaka horchte auf. Sie klang nicht fassungslos oder traurig, eher klang sie, als hätte man ihr etwas mitgeteilt, von dem sie wusste, dass es unter Garantie falsch war.
„Takashi ist nicht tot... Ich weiß es...“
Ashitaka lächelte gequält.
Da schreckte Kaya mit einem Mal hoch und schnitt ihm so das Wort ab.
„Naoto! Naoto weiß nichts davon! Ich muss sofort zu ihm, wir können ihn doch nicht hier lassen!“
Sie stand ruckartig auf und ihr Kreislauf kippte um. Sie geriet ins Wanken, dann leuf sie los. Für einen Moment flimmerte ihr Blick noch, doch dann war es wieder in Ordnung. Naoto... wo war er doch gleich... Im Zelt für die Verletzten... verdammt, aber wo war das?
Sie irrte eine kurze Zeit zwischen den zelten umher. Dann sah sie in einem Licht brennen. Es war recht groß. Sie ging darauf zu.
Vorsichtig zog sie das Leinen beiseite und lugte hinein. Da saß ein junger Mann neben einer Kerze...
Sie verengte die Augen, um schärfer zu sehen. Als sie ihn erkannte, lächelte sie.
Eilig betrat sie das Zelt und lief zu ihm hinüber.
Naoto hatte das Gesicht auf seine Faust gestützt und schlief. Warum er wohl hier saß?
Kaya sah sich um.
Und dann sah sie, wer da auf der Liege lag und mit einem Mal hätte sie weinen können vor Glück.
Sie streckte eine Hand aus und wollte Takashi berühren, aber da packte sie jemand am Arm.
„Lass ihn schlafen. Er hat einen wirklich harten Tag hinter sich.“
Sie drehte sich wieder um. „Ich dachte, du schläfst.“
Naoto lächelte sie an. „Ja, irgendwie hab ich das auch getan. Na ja, aber jetrzt bin ich wach. Was machst du hier?“
„Yamana wurde erschoss... nun... eigentlich... glaube ich, dass ich ihn getötet habe.“
„Was?“
„Ich hatte so eine Wut und hab auf den erstbesten berittenen Menschen geschossen, den ich sah. Und jetzt ist Yamana tot.“
„Mh... das war unser Befehlshaber.“
„Ich weiß.“
„Und, wie ist jetzt die Beschlusslage?“
„Sie wollen sich beraten. Da sich deshalb alle zurück ins Lager begeben haben, planen wir, morgen früh zu fliehen.“
„Ach so... wenn ich es nicht schaffen sollte, zu euch zu stossen, wartet nicht. So schlimm hat es mich als Arzt gar nicht getroffen.“ Er grinste schief.
Kaya lächelte unsicher. Da durchfuhr sie ein heißer Blitz. „Aber was ist mit Takashi?“ „Er wird morgen wahrscheinlich wieder laufen können. Er hat zum Glück auf mich gehört und sich so gut es ging ruhig verhalten.“
„Was ist denn passiert?“ Kaya hatte sich inzwischen vollständig umgedreht und sah besorgt auf Takashi hinab.
„So, wie ich ihn verstanden habe, ist er sozusagen in ein Schwert hinein gerannt.“
Kaya hob eine Hand an den Mund. „Und... und dann hast du ihn behandelt?“
„Ja. Wenn du sein Hemd vorsichtig anhebst, siehst du den Verband. Er hatte einen recht tiefen Schnitt in der Seite. Zum Glück blieb seine Lunge verschont.“
Kaya hob das Hemd an und verzog leidvoll das Gesicht, als sie den Verband sah.
„Ich hab die Wunde zugenäht. Ich hoffe, sie reißt morgen nicht wiedet auf, wenn ihr laufen wollt.“
Takashi bewegte sich im Schlaf. Kaya ließ von seinem Hemd ab.
Dann sah sie kurz mit schief gelegtem Kopf auf ihn hinab. Ihre Eltern hatten ihr immer gesagt, wie süß sie aussähe, wenn sie schlief. Sie war nahe daran, Takashi wach zu rütteln und ihm dasselbe zu sagen.
„Um Himmels Willen, du hast da ja ein schönes Loch in der Schulter!“, sagte Naoto da.
Kaya drehte sich wieder um. „Ja... irgendwer muss wohl einen Pfeil auf mich geschossen haben.“ Sie lachte bitter.
Naoto sagte darauf nichts. Dann, nach einer kurzen Stille, sagte er: „Gut... Gibt es einen Treffpunkt ode etwas in de Art?“
„Falls wir auf irgendeine Weise zerstreut werden sollten, treffen wor uns an diesem riesigen weißen Felsen westlich vom Lager.“
Naoto nickte.
„Nun dann... ich gehe dann wieder...“, sagte Kaya, während sie auf Takashi hinab sah.
„Ja.“
Kaya nickte noch einmal. Sie berührte kurz Takashis entspannte Hand, dann sah sie wieder Naoto an. „Bis morgen.“
Sie ging zum Ausgang. Doch da drehte sie sich noch einmal um. „Naoto?“
„Ja, was ist noch?“
„Wenn... wenn du morgen nicht kommst, werde ich ewig wütend auf dich sein, verstanden?“
Naoto lächelte schief. „Verstanden.“
Kaya schlich sich zurück zum Zelt ihrer Leute. Als sie Daisuke leise berichtete, dass Takashi noch am Leben war, leuchteten seine Augen und er lächelte an diesem Tag das erste Mal.




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