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=&===&===&= Kapitel 8 =&===&===&===&=

„And then the night becomes the day
and there’s nothing left to say
if there’s nothing left to say
then somethin’s wrong.
Oh, tonight you killed with your smile –
So beautiful and wild
So beautiful
Oh, tonight you killed with your smile –
So beautiful and wild
So beautiful and wild.“

Reamonn – Tonight

Takashi war im Gras eingeschlafen. Davon war er ganz kalt geworden. Aber das war es nicht, was ihn weckte. Es waren zwei Hände, die heftig an ihm rüttelten.
„Aufstehn, Takashi!“ Sie klang wirklich harsch, eher schon unfreundlich.
„Was... was ist denn los?“
„Nichts ist los, du sollst aufstehen!“
Also stand er auf, ein wenig verwirrt.
Und als er stand, bekam er eine schallende Ohrfeige.
„Was...?“ Er sah sie verständnislos und wütend zugleich an.
Sie grinste nur. Dann boxte sie ihm gegen die Schulter.
„Sag mal, Kaya, was soll das?!“, fauchte er.
Sie grinste nur breiter. Dieses Mal schlug sie ihm auf die Brust.
Takashi spürte auf einmal eine wahnsinnige Wut in sich hochkommen und ehe er weiter darüber nachdenken konnte, holte er aus und versetzte Kaya einen Fausthieb gegen die Brust.
Kaya stolperte keuchend rückwärts.
Takashi starrte grimmig zu ihr hinüber. Doch als sie den Kopf hob, stutze er. Sie grinste noch breiter als vorher.
„Ist das alles, was du zu bieten hast?“, fragte sie mit einem hämischen schiefen Grinsen. Takashi sah sie böse an. „Was soll das?“
Da durchschaute er sie. Sie wollte, dass er gegen sie kämpfte. Und zwar nur mit Hand und Fuß, also in der Art, bei der sie eindeutig unterlegen war. Also... was... auf was genau wollte sie damit hinaus?
„Na los! Komm schon! Oder bist du plötzlich verweichlicht, nur weil dein Vater tot ist?“ Da verstand er. Sie wollte, dass er seinen Frust abließ.
Konnte sie haben. Denn dieses Verständnis wurde restlos von der Wut und dem Schmerz ausgelöscht, die er im nächsten Moment empfand.
Mit einem Schrei stürzte er sich nach vorne, die Hand zur Faust geballt. Kaya schlug im letzten Moment seinen Arm weg. So streifte er nur ihren Arm. „Schwach“, kommentierte sie, obwohl sie ein Auge zukniff vor Schmerz.
Also schlug er nochmal zu und nochmal und nochmal. Sie schützte sich jedes Mal mit ihren Armen, aber sie atmete bald schwer und biss immer wieder vor Schmerz die Zähne zusammen.
Mit dem Schlagen und Treten kamen die Erlebnisse des Vortags in Takashi hoch. Er sah die ganzen Toten und seinen sterbenden Vater. Er wusste, dass irgendein Schwein ihn getötet hatte. Und er wusste, dass irgendwer dieses Schwein angeheuert hatte.
Und es war ihm auf einmal, als würde er denjenigen schlagen.
Als Kaya das bemerkte, grinste sie triumphierend. Gut. Genau das hatte sie erreichen wollen.
In Takashis Augen sammelten sich Tränen und er schien dadurch fast noch stärker zu werden. Kaya konnte nicht mehr jeden Schlag blocken, einmal traf er sie in den Magen. Da stolperte sie mit schmerzverzerrtem Gesicht rückwärts.
Takashi stoppte sofort. Die Wut verflog.
„Kaya... geht’s dir...“
Sie sah ihn wieder mit diesem aufreizenden Grinsen an. „Ging mir nie besser!“, rief sie und richtete sich auf.
Takashi lächelte.
Kaya lächelte breit zurück. „Na? Geht’s dir jetzt besser?“
Takashi nickte und sah sie dankbar an.
„Wofür hat man Freunde?“, fragte Kaya.
Da kam auf einmal Naoto angelaufen.
„Kaya, wie sieht du denn aus?“, fragte er bestürzt. „Wie ist denn das passiert?“
Kaya lachte. „Wir haben nur... etwas auskuriert.“
Naoto sah sie vollkommen verwirrt an.
Darüber musste Takashi lachen.
Sofort lächelte Naoto. Er hatte nicht erwartet, Takashi so bald lachen zu sehen.
Doch dann verkniff Takashi auf einmal das Gesicht.
Kaya legte verwundert den Kopf schief. „Was hast du?“
„Ach, es ist nichts... er zieht bloß ein wenig“, antwortete Takashi mit einer vagen Handbewegung an seiner Taille entlang.
Naoto hob die Augenbrauen.
„Nein, du siehst sie dir nicht an! Es geht mir gut!“, rief Takashi.
Naoto hob abwehrend die Hände. „Schon gut, ich habe ja noch gar nichts gesagt!“, Er lachte leicht verschämt.
Takashi schüttelte den Kopf, aber er konnte ein kleines Lächeln nicht unterdrücken. „Ich sollte eigentlich nach euch suchen. Wir wollen langsam aufbrechen.“
„Ja. Gehen wir zurück“, sagte Takashi.
„Was habt ihr denn nun eigentlich genau gemacht?“, fragte Naoto, als Takashi an ihm vorbeikam.
„Kaya wollte, dass ich... mich abreagiere“, antwortete Takashi mit einem Seitenblick zu Kaya. Die nickte und lächelte. Dann sagte sie: „Geht ihr doch schon mal vor, ich möchte nur noch kurz ein wenig durchatmen.“
Takashi drehte sich um und ging. Als er merkte, dass Naoto nicht nachkam, sah er über die Schulter zurück. Was er sah, ließ ihn wütend werden. Naoto folgte Kaya, die die sanft ansteigende Grasfläche hinaufging. Takashi knurrte leise in sich hinein, dann wandte er sich mit einem Ruck ab und gng langsam zum Lager zurück.
Dieser Ochse regte ihn langsam wirklich auf. Da vertrug er sich einmal wirklich mit ihm und da musste er natürlich schon wieder Kaya hinterherrennen, wenn sie allein sein wollte, typisch!
Aber... sie ließ es ja immer zu... was sollte er nur damit anfangen? Takashi schüttelte ärgerlich den Kopf. Dann ging er zum Lager zurück.
Kaya stand auf der Hügelkuppe, genoss den Wind, der ihr durchs Haar fuhr und sah auf die ungleichmäßige Landschaft aus Bergen, Felsen und Hügeln.
Naoto trat neben sie.
„Es ist so viel passiert... Man sollte gar nicht denken, dass wir uns nur knapp zwei Tage bei Kyoto befunden haben...“, sagte Kaya.
Naoto nickte. Er musste an die ganzen Menschen denken, die er versucht hatte zusammenzuflicken – bei manchen erfolgreich... und bei manchen vergebens.
„Naoto... darf ich dich etwas fragen?“
„Ja, natürlich.“
„Hast du... hast du während der letzten Tage viel an deine Familie und Freunde gedacht?“
Naotos Gesicht und Körper verspannten sich.
„Manchmal“, sagte er.
„Ich... ich habe dir gesagt, du hättest nicht mitkommen müssen...“
Er schüttelte den Kopf. „Ich halte es immer noch für richtig, dich begleitet zu haben. Ich habe mich für ein neues Leben entschieden. Das setzt vorraus, dass ich über das alte hinwegkomme. Ich hätte dich auch damals töten können... als du mir dein Schwert überlassen hast.“
Kaya sah zu Boden. Es war immer noch unangenehm, daran zu denken. Sie hatte in diesem Moment wirklich Angst bekommen.
Sie standen noch kurz da und starrten dem Wind entgegen. Dann drehte sich Kaya um. „Wir sollten zum Lager gehen.“
Naoto folgte ihr wenige Sekunden später.

=&=

Rei saß auf der Terrasse und sah dem treiben auf der Straße zu, während sie die Beine baumeln ließ.
Neben ihr lagen die verwelkten Blumenkränze, die sie seit Tagen mit sich herumtrug. „Die sind für Takashi und die anderen, wenn sie zurückkommen!“, hatte sie ihrer Mutter freudestrahlend erklärt. Toki hatte sich bemüht, überzeugend zu lächeln.
Es war Zeit, neue Kränze zu flechten. Wenn sie innerhalb der nächsten Tage kamen, mussten sie doch frische bekommen und nicht diese alten welken Dinger. Rei nahm die Kränze, besah sie kurz und warf sie dann auf die Straße.
Es war so langweilig. Sie konnte nicht zusehen, wie Takashi und Kaya kämpften, konnte sich nicht über ihre Streitereien amüsieren und sie konnte den naiven Hayato nicht ärgern. Langweilig, langweilig, langweilig.
Mit einem Seufzen legte sie sich auf den Rücken. Hoffentlich kam Takashi bald wieder. Und Kaya. Und San. Ja, San musste am Schnellsten zurückkommen. Sie hatte ihr doch versprochen, ihr die Sprache der Tiere beizubringen.

=&=

Naoto trottete stumm vor sich hin, genau wie die anderen alle. Takashi besah ihn sich aus den Augenwinkeln. Irgendwas, irgendwas an diesem Kerl gab ihm immer wieder einen Anlass, ihn nicht zu mögen. Vielleicht seine stille Art. Oder sein bescheuertes bescheidenes Verhalten. Oder seine ewigen Entschuldigungen und sein verschmtes Lachen. Diese Art, manchmal etwas nicht sagen zu wollen, die Gefühle vor anderen zu verstecken. Er war so... undurchschaubar. Ja, das war das Problem. Takashi hatte noch nicht ein einziges Mal wirklich sicher sein können, was Naoto gerade dachte oder weshalb er gerade welches Gesicht zog. Und das war wirklich äußerst ungewöhnlich. Auch wenn er in diesen Dingen weitaus schlechter war als seine Mutter; Kaya verbarg ihre Gefühle von Zeit zu Zeit auch recht gut und er konnte sie ohne Probleme durchschauen.
Oder vielleicht war es schlicht und einfach die Art, wie er immer um Kaya herumschwirrte... wobei sich Takashi langsam ernsthaft zu fragen begann, weshalb ihn das eigentlich so störte. Kaya war doch immer noch seine Freundin! Und sie mochte ihn doch immer noch lieber als Naoto... oder doch nicht?
„Was ist los, Takashi? Du kuckst so seltsam?“, fragte Kaya leise.
„Nichts ist los. Ich hab nur... nur wieder an meinen Vater gedacht.“ Ihre Trostversuche nahm er gar nicht richtig wahr.
Ein langer Marsch war noch zu tun.
Aber irgendwann, nach langen Tagen und Nächten, nach einer Reise, die ihnen noch länger erschien als der Hinweg, tauchte irgendwo im Wald auf einmal ein blasser weißlicher Schimmer auf. Kaya trat näher an den Ast und als das Etwas deutlicher wurde und schärfere Konturen bekam, stieß sie einen lauten Jubelschrei aus, worauf der Kodama erschrocken davonsprang.
„Ein Kodama! Wir sind wieder zu Hause!“, rief sie.
Takashi grinste und aus den Augenwinkeln sah er, wie Naoto dieses doofe Lächeln zeigte. Andere hätten es wahrscheinlich liebevoll genannt oder etwas in der Art.
Kaya lief freudig an allen vorbei und drehte sich einige Male im Kreis. Dann atmete sie tief ein und sah zu den Kodamas in den Bäumen hinauf, die lustig mit den kleinen Köpfen klapperten.
Sie brauchten trotz allem noch einen halben Tag, bis der Wald sich lichtete und hinter einer Hügelkuppe endlich Irontown in Sicht kam.
Ashitaka lächelte schief. Es sah fast noch genauso aus wie damls vor sechzehn Jahren, als er das erste Mal über diesen Hügel gekommen war, nur die dicken Rauchsäulen fehlten.
Kaya lachte entzückt und begann zu rennen. Sie rannte den ganzen grasgrünen Hügel hinab, bis sie den See erreichte. Dann ließ sie sich auf die Knie fallen und tauchte die Hände ins Wasser und schmiss das Wasser über sich, wobei sie ein weiteres Mal auflachte.
San lächelte, als sie ihre Tochter so sah. Manchmal war sie noch wie ein kleines Mädchen. Je näher sie Irontown kamen, desto stärker wurde dieses mulmige Gefühl, das Takashi schon ie ganze Zeit umfing. Er würde auf seine Mutter treffen... was sollte er sagen... wie sollte er es sagen?
Sie sahen schon von Weitem, wie die Turmwache auf sie aufmerksam wurde. Als sie sich dann endlich dem Tor näherten, stürzten unzählige Menschen unter Jubelrufen auf sie zu.
Überall wurde umarmt, geküsst, wurden Freudentränen vergossen. Oder auch bittere Tränen, wenn jemand feststellte, dass seine vermisste Person nicht dabei war. So einige Frauen schlugen sich die Hände vors Gesicht.
Da fiel Akemi ihrem Sohn Hayato überglücklich um den Hals... alle hatten sie ihre Männer wieder. In Takashi wogte beißender Schmerz empor.
„Takashi!“ Sie hatte so laut geschrieen, dass Takashi zusammenfuhr. Kurz darauf fiel ihm seine Mutter um den Hals.
„Takashi, du bist wieder da, was bin ich froh! Ich hab mir solche Sorgen gemacht! Was bin ich froh, dass du heil zurückgekommen bist, mein Schatz!“
Sie merkte, wie halbherzig er die Begrüßung und Freude erwiderte und sah ihn an. „Was ist los? Bedrückt dich etwas?“
„Mama... Es ist wegen...“ Er sah auf und blickte ihr in die Augen. Megumi stellte erschrocken fest, dass seine Augen nass glänzten. „Papa... er ist tot.“
Megumi starrte ihren Sohn für einen Moment mit glasigen Augen an, dann schien sie auf einmal den Halt zu verlieren und fiel nach hinten über.
Sofort sahen die Leute um sie herum auf sie herab. Toki schlug sich durch die Menge.
„Weg da, geht weg!“, rief sie energisch. „Kohroku, komm her und hilf mir mal!“ Sie hiefte Megumi hoch und schleppte sie dann mit der Hilfe ihres Mannes zum Tor. San lief ihnen eilig hinterher.
„Takashi, Takashi, Takashi!“, gellte da eine hohe Stimme und ehe Takashi sich versah, klebte ihm Rei am Bein. „Du bist wieder da! Wie toll, du bist wieder da, du bist wieder da!“ Sie hopste auf und ab, ihre Wangen glühten rot vor Freude.
Takashi lächelte gequält.
„Was ist mit deiner Mama? Warum ist sie umgefallen?“
„Weil... weil sie erschrocken ist...“
„Warum?“
„Weil... weil...“
Da sah sich Rei um. „Wo ist dein Papa, wieso stützt er sie denn nicht?“
Takashi schloss schwer atmend die Augen und plötzlich kniete er weinend am Boden. Rei war ganz entsetzt. „Hab ich was Falsches gesagt? Takashi, warum bist du traurig?“ „Nein, du hast nichts Falsches gesagt“, sagte Kaya mit einer traurigen Stimme, als sie hinter Rei trat. „Takashis Papa lebt nicht mehr, Rei. Er wurde von einem Pfeil getroffen.“ Rei glotzte ungläubig mit ihren großen blauen Augen zu ihr hinauf. Dann kniete sie sich neben Takashi und klammerte sich an seinen Hals. „Armer Takashi!“, schluchzte sie.
Takashi lachte auf, wobei allerdings für die anderen nicht klar identifizierbar war, ob es ein Lachen oder ein Schluchzen war.
Dann stand er auf. „Ich muss zu meiner Mutter“, sagte er und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
Dann lief er an Kaya und Rei vorbei.
„ich will auch zu Takashis Mutter, Kaya!“, sagte Rei.
„Gut. Komm.“ Kaya nahm sie bei der Hand und sie eilten hinter Takashi her.

Etwas später schlug Megumi die Augen auf. Ihr war wahnsinnig schlecht und ihr Hinterkopf schmerzte. Aber warum das alles?
„Was... ist passiert?“, fragte sie mit dünner Stimme. Takashi setzte sich neben sie. „Takashi, du bist ja wieder da.“
„Ja, schon seit etwa einer halben Stunde.“
„Was... ach... ja... jetzt fällt es mir wieder ein... aber... warum bin ich denn ohnmächtig geworden?“
Takashi sah zu Boden. Er wollte und konnte ihr das nicht noch einmal sagen.
„Du wurdest ohnmächtig nachdem du von Takashi gehört hattest, dass Daisuke tot ist“, sagte Toki und griff behutsam nach Megumis Hand.
Megumis Augen weiteten sich und sie wurde kreidebleich. „Was?! Aber... wie?“ Sie sah entsetzt Takashi an. „Wie ist das passiert?“ Ihre Stimme zitterte. Mit einem Mal setzte sie sich auf.
„Er wurde von einem Pfeil getroffen“, murmelte Takashi tonlos. Unter der Haut seiner zu Fäusten geballten Hände traten weiß die Knöchel hervor.
„Nein...“ Megumi hob eine Hand an den Mund. „Nein, das kann doch nicht sein, das kann doch nicht...“
„Megumi“, sagte Toki und legte ihr eine Hand auf den Rücken. Megumi sah sie an. „Toki, das ist nicht wahr, oder? Sag mir, dass das nicht stimmt!“
Toki sah zu Boden. „Das kann ich nicht, Megumi... tut mir Leid.“ Bei den letzten Worten sah sie ihre Freundin wieder an.
„Nein...“ Megumis Stimme zitterte. Sie schüttelte den Kopf. „Nein, sagt mir, dass das nicht wahr ist!“
„Es ist wahr, Megumi“, sagte San, die nun auch zu ihnen kam und sich vor sie kniete. „Er lässt dir sagen, dass er dich liebt.“
Takashi sah San verwundert an. Sie warf ihm einen vielsagenden Blick zu.
Megumi schluchzte auf. Dann schlug sie sich die Hände vors Gesicht und schüttelte sich immer wieder. „Daisuke...“, schluchzte sie. Dann fiel sie gegen Tokis Brust und weinte. Sie weinte laut und verzweifelt.
Takashi ergriff mit einem Mal ein Gefühl der Übelkeit. Hastig stand er auf und lief aus dem Haus.
Draußen setzte er sich auf die Holzplattform vor ihrem Haus und wischte sich die Tränen aus den Augen, die sich dort gerade gebildet hatten.
Er saß dort einige Minuten, dann hörte er, wie jemand über die sandige Straße kam und sich dann neben ihn setzte. Er sah auf und sein Ausdruck verhärtete sich. Neben ihm saß Naoto.
„Geht es deiner Mutter besser?“, fragte dieser.
„Nein. Überhaupt nicht.“
„Was soll das heißen, überhaupt nicht?“, fragte Naoto leicht bestürzt.
„Was heißt es wohl? Dass sie vollkommen am Boden zerstört ist, dass sie sich fühlt wie am Ende ihres Lebens, das heißt es, du Vollidiot!“, schrie Takashi.
Dann sprang er auf und lief davon. Er regte ihn auf! Er regte ihn so dermaßen und grenzenlos auf! Besaß dieser Ignorant überhaupt so etwas wie ein Hirn oder zumindest eins, dass nicht für das wissenschaftliche Denken zuständig war?!
Nach einer Ecke stieß er mit Kaya zusammen.
„Takashi! Wohin denn so eilig?“
„Nirgendwohin.“
„Aha... Hast du Naoto gesehen?“
Er musste sie angesehen haben wie von einer Spinne gebissen. Jedenfalls ließ ihr Gesichtsausdruck darauf schließen. „Nein, hab ich nicht! Überhaupt, was willst du von dem Typen?“
„Nichts Bestimmtes, ich frage mich einfach nur, wo er hin ist. Was bist du denn so aufgeregt?“
„Ach, es ist... nichts...“
„Ist deine Mutter wieder wach?“
„Ja... man sollte fast sagen leider. Sie ist vollkommen fertig.“
Kaya nickte. Dann fiel ihr etwas ein. „Hör mal, die anderen haben beschlossen, heute Abend zu feiern. Ich kann es verstehen, wenn dir nicht danach zumute ist, aber ich wollte es dir sozusagen als Vorwarnung mitteilen.“
Takashi zuckte mit den Schultern. „Wird ohnehin wieder nur so eine Erwachsenen-Freude. Wie auch nicht, wir sind schließlich nicht sehr viele Kinder und Jugendliche hier. Insofern wüsste ich sowieso nicht ganz, was ich da zu suchen hätte. Ich bin ja immer nur zu sowas mit gekommen, weil...“ Er stockte. „Weil... mein Vater mich gerne dabei haben wollte.“
Kaya sagte darauf nichts. Doch dann, als Takashi einfach nur dastand und zu Boden sah, tat sie etwas. Sie kam langsam auf ihn zu und umarmte ihn vorsichtig. Sie spürte, wie erstaunt er war.
„Es tut mir so Leid, Takashi. Ich wünschte, ich könnte dir etwas von deinem Leid abnehmen“, sagte sie.
„Kannst du aber nicht... aber danke, es ist schön zu wissen, jemanden wie dich zu haben.“
„Nun, das hört man doch gern!“, sagte Kaya, ließ von ihm ab und lächelte ihn an. Er lächelte halbherzig zurück.

Am Abend kam Takashi dann aber trotzdem nicht zu der Feier. Er war bei seiner Mutter. Sie brauchte ihn, hatte er gesagt.
Ohne ihn wurde es Kaya noch schneller langweilig als sonst. Also stand sie irgendwann auf und suchte nach Naoto. Aber sie fand ihn nicht unter den Feiernden.
Also verließ sie das große Gemeinschaftshaus und wanderte suchend durch die Straßen. Und igendwann entdeckte sie am Palisadenzaun in der hintersten Ecke von Irontown eine Gestalt, die angelehnt an die dicken Stämme, dasaß.
Eilig kam Kaya näher und setzte sich neben Naoto. Er reagierte nicht. Sie legte den Kopf schief und sah ihn an. Er reagierte noch immer nicht. Kaya grinste amüsiert.
„Naoto?“
Er sah sie an und Kaya stutzte. Sein Blick hatte etwas Glasiges. Aber als er sie erkannte, lächelte er.
„Hallo“, murmelte er.
„Was machst du hier?“
„Wollte ein bisschen allein sein.“ Er sprach seltsam stumpf. Erst jetzt bemerkte Kaya die Flasche in seiner Hand. Eine recht große Flasche war es, und wenn Kaya sich recht erinnerte, waren Flaschen dieser Art normlerweise mit Sake gefüllt. Sie hatte schon erlebt, dass Sake die Menschen seltsam lustig und albern werden ließ, aber Naoto war keines von beidem... er schien eher vollkommen abgeflacht.
„Hast du schon viel davon getrunken?“ Sie nahm die Flasche aus seiner Hand und zog die Augenbrauen in die Höhe. „Mh, da dürfte so etwa ein Drittel raus sein... Das ist viel zu viel, wenn man auf meine Eltern hört!“, empörte sie sich.
Naoto lachte leise. „Irgendwie müssen die Sorgen ja weg.“
Kaya verstand nicht ganz, was er damit sagen wollte.
„Trink mal’n Schluck“, forderte er sie auf.
Kaya hob skeptisch die Flasche zum Mund und trank ein bisschen. Sie verschluckte sich und hustete. Himmel, das war ja ätzend!
Aber irgendetwas, vielleicht der süßliche Unterton in dem komischen Getränk, verleitete sie dazu, noch etwas zu trinken. Das schmeckte schon etwas besser.
Sie sah, wie Naoto neben ihr lächelte, sich wieder an den Palisadenzaun lehnte und zum Himmel hinauf sah.
Kaya leckte sich die Lippen. So schlecht schmeckte das Zeug gar nicht mal. Also trank sie noch etwas. Und noch etwas. Und auf einmal schien alles ein bisschen leichter als vorher. Es war angenehm. Ihre inneren Depressionen lösten sich immer mehr auf.
Doch irgendwann stellte sie die Flasche weg. „Das reicht“, murmelte sie, wurde dann allerdings von einem Schluckauf unterbrochen.
Naoto lachte.
„Das is nich komisch!“, rief Kaya kichernd und hickste ein weiteres Mal.
Naoto lachte nur noch mehr. Und er steckte Kaya an.
Nachdem sie eine Weile zusammen gelacht hatten (und Kaya irgendwann ihren Schluckauf wieder los war), sah Naoto sie auf einmal an und grinste.
„Was?“
„Ach, nichts.“
„Ich will es wissen, sag’s mir!“
„Du hast so hübsche rote Backen“, grinste Naoto.
Kaya lachte. „Quatsch.“
Er starrte sie weiter an.
Kaya kicherte. „Was ist?“
Naoto legte den Kopf schief und lächelte breit.
Sie schnitten eine Weile dumme Grimassen und lachten sich dabei halb zu Tode.
Und dann passierte es auf einmal. Naoto war irgendwann wohl ein Stück näher gerückt und nun richtete er sich auf alle Viere auf, worauf er sich dann zu Kaya drehte.
„Was soll das werden?“, fragte Kaya mit einem irritierten Grinsen.
Er sah sie nur an.
Kaya kicherte nervös. Ein Teil ihres Schwippses war wieder verschwunden, wahrscheinlich verdrängt von dem Unwohlsein, das immer aufkam, wenn Naoto in dieser Art so nah bei ihr war.
„Naoto... was wird denn das?“
Er legte den Kopf schief und blinzelte. „Du hast so wunderschöne Augen“, sagte er. Sein Atem roch nach Alkohol.
Kaya rutschte ein Stück zurück, doch sie stieß gegen die Palisaden.
Naoto folgte ihr. Sein Körper deckte die Fläche des ihren im Grunde ganzflächig ab, ihre Gesichter waren nur noch etwa zehn Zentimeter voneinander entfernt.
Kayas Atem ging schneller als gewöhnlich. Was wollte er?
„Naoto... das ist mir... unangenehm... versteh mich nicht falsch...“
Er lächelte sie bloß an. Kaya stoppte irritiert.
Sein Gesicht kam noch ein Stück näher. Kaya presste ihren Kopf an den Holzwall. Dann spürte sie eine Hand an ihrer Hüfte. Sie schluckte. Was hatte er vor? Was immer es war, es machte ihr irgendwie Angst.
„Kaya...“, murmelte Naoto. Seine Hand fuhr aufwärts an ihrer Seite entlang.
„Naoto, lass das“, sagte Kaya, so gelassen wie es ging. Das war vielleicht am Besten.
Aber er hörte nicht. Er sah sie nur wieder an und kam noch ein Stück näher.
Kaya fühlte sich eingeengt und bedroht. Sie konnte nicht treten, er blockierte ihre Beine. Mit ihren Händen konnte sie nicht viel ausrichten, dazu war er zu nah. Beißen konnte sie ihn auch schlecht. Sie konnte nicht zurück, nicht nach vorne und zur Seite auch nicht. Sie würde es auch nicht schaffen, sich irgendwie unter ihm hindurchzuschlängeln. Verdammt!
„Naoto!“, rief sie. Ihre Stimme zitterte.
Er sah aus großen Augen mit einem schiefen Lächeln an.
„Was soll das? Findest du das lustig?“
„Gute Frage“, sagte Naoto grinsend, „Finde ich das lustig?“ Er schien auch etwas von seiner Trunkenheit verloren zu haben.
Er legte den Kopf ein weiteres Mal schief. Seine Hand fuhr zu Kayas Hals hinauf.
Kaya atmete hastig.
Ihre Hand hob sich langsam.
Naoto kam noch ein kleines Stück näher.
Und diese kleine Handlung löste bei Kaya den Reflex aus, den sie schon erwartet und erhofft hatte. Ihre Hand schnellte zu dem Kristalldolch an ihrem Hals, riss die Schnur durch und umfasste das Schmuckstück innerhalb weniger als einer Sekunde.
Und dann blitzte das funkelnde Ding kurz durch die Nacht. Kaya meinte irgendwo ein lautes Atmen zu hören, doch wahrscheinlich kam es nur von Naoto.
Naoto fiel mit einem langen Kratzer in der Wange und einem Keuchen auf seinen Hintern.
Kaya wartete nicht lange, sondern sprang auf.
„Du verdammter Idiot!“, schrie sie. Sie versetzte ihm einen Faustschlag, dann rannte sie davon, so schnell sie konnte.
Während sie lief, bildeten sich in ihren Augen Tränen. Warum hatte er das getan? Warum?!
Zuhause angekommen kletterte sie in den Dachstuhl, warf sich auf ihr Lager und brach in Tränen aus. Sie hatte ihm nicht wehtun wollen. Aber was hatte er da getan und warum hatte er es getan? Er hatte sie dermaßen erschreckt. Er war so anders gewesen, er hatte sie vielleicht nicht einmal gehört, als sie ihrem Widerwillen Ausdruck verliehen hatte. Sonst war er doch immer so rücksichtsvoll und vorsichtig! Was tat der Alkohol den Menschen nur an.

=&=

Kaya war irgendwann eingeschlafen. Und bekam einen Albtraum.

Sie befand sich wieder in diesem Wald bei Kyoto. Da saß Takashi neben seinem sterbenden Vater... im nächsten Moment wechselte das Szenario in Irontown und Takashi stand auf und Kaya umarmte ihn tröstend. Doch als sie einige Schritte zurücktrat und ihn ansah, war es nicht Takashi, sondern Naoto, der sie angrinste und sagte: „Du hast so wunderschöne Augen... du bist eine Emishi, hab ich Recht?“ Er lachte und kam näher. Kaya wich zurück, immer weiter zurück, irgendwann stand sie an einer Wand. Naoto kam weiter auf sie zu. „Dir ist es nicht einmal in den Sinn gekommen, dass ich dein eigenes Schwert gegen dich richten könnte?“, fragte er dabei, „Es würde sogar Sinn machen. Wenn du in den Krieg ziehst, kämpfst du gegen meine Leute.“ Er stellte sich vor sie und auf einmal lag seine Hand an ihrer Hüfte und fuhr dann zu ihrem Hals hinauf. Kaya nahm den Dolch von ihrem Hals – und rammte Naoto das kleine Ding in die Brust. Seine Augen weiteten sich. Auf einmal verschwand Irontown und wurde ersetzt durch ein tiefes Rot – die Farbe von Blut. Naoto stolperte nach hinten und sah sie voller Entsetzen an. „Du...Ich...wa...warum?“, keuchte er. Aber nicht mit seiner Stimme. Es war eine Kinderstimme, die aus ihm sprach, die Stimme eines Jungen. Dann fiel Naoto um, den kleinen Dolch in der Brust. „Kaya...“, murmelte er. Da hörte sie etwas hinter sich. Sie drehte sich um und da stand Takashi, ein Schwert in den Händen. „Wer ist das? Du hast ihn umarmt! Ich bin dein bester Freund!“ Dann holte er aus und schlug zu.

Kaya fuhr schreiend aus dem Schlaf. In den Augen hatte sie Tränen, ihr Körper war bedeckt von Schweiß. Sie zitterte, als hätte sie einen Schüttelfrost.
„Kaya? Was ist denn los?“, hörte sie eine Stimme aus der Dunkelheit.
„Ich... ich hatte nur einen Albtraum, Mama. Alles... in Ordnung.“
„Gut“, sagte San. Man hörte in ihrer Stimme, dass sie erleichtert lächelte.
Kaya legte sich wieder hin. Aber sie konnte nicht schlafen. Nach einer Weile horchte sie und als sie nichts hörte, stand sie auf und sprang hinunter in den Wohnraum. Dann lief sie aus dem Haus.
„Hast du das gehört?“, fragte San leise.
„Nein“, murmelte Ashitaka schlaftrunken. Also schloss San ihre Augen wieder.

Kaya stolperte durch die mondbeschienenen Straßen.
Schließlich kam sie an der Stelle an, an der sie vorhin auf Naoto getroffen war. Und da lag er. Zusammengekrümmt auf dem Boden, gleichmäßig atmend.
Kaya eilte zu ihm hinüber und rüttelte ihn wach.
„Was...?“
„Naoto?“
„Kaya...“
„Hör zu, es tut mir Leid, es tut mir so schrecklich Leid!“
„Was denn?“
„Das vorhin, ich wollte dir nicht wehtun. Es tut mir so Leid.“
„Nein, nein.“ Er setzte sich auf. „Ouh, mein Kopf...“, flüsterte er verärgert. „Nein, mir tut es Leid“, sagte er dann. „Ich... ich weiß wirklich nicht, was in mich gefahren war. Verzeih mir.“
Als Antwort fiel sie ihm schluchzend um den Hals.
„Du hast mich so erschreckt! Das warst nicht du, das war ein ganz anderer Mensch!“
„Ich weiß, ich weiß... es muss schrecklich gewesen sein für dich, tut mir Leid.“
Kaya zitterte. Naoto legte seine Arme um sie.
„Was... was wolltest du denn eigentlich? Es war mir so unerklärlich, was du damit eigentlich erreichen wolltest“, sagte sie nach einer Weile mit brüchiger Stimme.
Naoto blieb für einen Moment still, in dem er auf das nächste Haus starrte. „Ich... weiß es nicht.“ Das war eine faustdicke Lüge. Aber was sollte er ihr schon sagen? Ich wollte dir eine Neurose verpassen oder etwas ähnlich Idiotisches, was die eigentliche Absicht dümmlich umschrieben hätte, vielleicht?
„Aber... was immer es war, es tut mir wahnsinnig Leid, Kaya. Das hätte alles nicht passieren dürfen.“
Sie schluchzte auf. Naoto umarmte sie etwas fester. Und innerlich verfluchte er sich selbst. Wie hatte er ihr nur soetwas antun können?
Als ihr Weinen eher noch mehr wurde, wiegte Naoto sie leicht hin und her und sprach beruhigend vor sich hin.
So kriegte sich Kaya langsam wieder ein. Sie vergrub ihr Gesicht in seiner Schulter. „Trink nie mehr Alkohol. Bitte“, flüsterte sie.
„Nein. Sicher nicht. Das verspreche ich dir.“
Kaya nickte.
„Kaya...“
Sie sah auf.
„Ich... muss dir was sagen...“
„Was denn?“
Naoto blieb still, er sah sie nicht an. Dann wanderte sein Blick auf einmal zum Himmel und er sagte: „Der Mond ist heute besonders schön, findest du nicht?“
Kaya sah skeptisch zu ihm hinauf, doch dann blickte auch sie zum Himmel. „Doch, ja. Sehr schön.“
Sie saßen eine Weile nebeneinander da, dann konnte Kaya ihre Neugier nicht mehr zügeln. „Du... du wolltest mir etwas sagen.“
Naoto sah sofort zu Boden. „Ja... Und zwar... weißt du, du hattest Recht damit, dich zu wundern, dass ich mich so wenig für die Leute aus meinem Dorf zu interessieren schien...“
Kaya spitzte die Ohren. „Was meinst du damit?“
„Im Grunde war das gar nicht mal mein Dorf... Ich lebte dort erst seit... seit etwa 5 Jahren. Damals habe ich mich dort quasi hinein gebettelt.“
Kaya sah ihn erstaunt an.
Naoto starrte wieder zum Himmel. „Sesshu Toyo... ich glaube, er hat mich immer gehasst. Für ihn war ich immer nur ein lästiger Parasit.“
Kaya konnte sich nicht helfen, aber dieser Name kam ihr bekannt vor. Sie öffnete den Mund, doch bevor sie zu Wort kam, sagte Naoto: „Ja, es ist wahrscheinlich, dass du schon von ihm gehört hast. Er ist Maler. Ein sehr guter Maler, ohne Frage. Aber das zahlt sich für ein Kind eben nicht so wirklich aus... Ich war ihm immer nur ein Dorn im Auge, ein dummes Tier, dass ihm aufgedrückt wurde, als meine Mutter kurz nach meiner Geburt starb. Wahrscheinlich wird er in die Geschichte eingehen als lediger, kinderloser Künstler... wie sich das für einen Mönch gehört... Na ja, heute lebt er in Yamaguchi. Nachdem er aus China zurückgekehrt war, blieb er...“
„China?“, platzte Kaya dazwischen.
Naoto lächelte. „Ja. Das ist ein großes Reich. Hinter dem Meer, viele Horizonte von hier entfernt liegt es. Es ist ein prachtvolles und sehr fortschrittliches Land. Aber ich habe die Menschen dort drüben nie gemocht.“
„Du warst dort? Hinter dem Meer?“
Naoto grinste liebevoll. Man hörte Kaya an, wie sehr sie ihn dafür beneidete. „Ja. Komischerweise hat er damals noch nicht versucht, mich loszuwerden. Aber versteckt hat er mich natürlich auch schon damals. Er wäre ruiniert gewesen, hätte jemand von mir erfahren... Na ja, ich versuchte in China, mir so viel Wissen wie nur möglich anzueignen. Was auch ganz gut geklappt hat. Ich dachte, wenn ich genug Wissen hätte, könnte ich ganz leicht unabhängig von meinem Vater und dem tristen, schlechten Leben mit ihm werden. Da ich aufgrund dieser Neugierde ziemlich oft Alleingänge machte, wurde ich ihm wohl langsam zu gefährlich – mit meinen sechzehn Jahren hätte ich das schließlich auch wahrscheinlich irgendwie hier in Japan bewerkstelligen können. Also versuchte er mich loszuwerden, nachdem wir zurück in Yamaguchi waren. Tja, und er hatte Erfolg. Irgendwann muss er mich abgehängt haben... ich weiß nicht mehr, wie, vielleicht ist er eines Morgens ohne mich aus einem Gasthaus aufgebrochen. Nun, danach irrte ich zwar frei, aber immer schwächer werdend, durch das Land, bis ich eines Tages dieses Dorf sah. Ich frage mich, wie geschickt ich an all den anderen vorbeigelaufen sein muss, schließlich liegt Yamaguchi noch ein ganzes Stück westlich von Kyoto... das ist noch untertrieben... na ja, wie dem auch sei, ich habe mich zuerst an Bord eines Schiffes geschmuggelt, der Hafen von Yamaguchi ist gut organisiert; von dort fuhren wir ja auch nach China.
Das Schiff fuhr... na ja, im Grunde weiß ich nicht genau, wie weit es fuhr, um ehrlich zu sein. Irgendwo an der Küste nahe Kyoto müssen sie aber angelegt haben. Ich habe keinen Schimmer, was die da wollten, schließlich war der Krieg damals schon zwei Jahre existent. Von der Anlegestelle schlug ich mich also durch... bis ich irgendwann, nach wochenlangem Wandern durch die Natur, dieses Dorf sah. Überglücklich und vollkommen erledigt kroch ich zum Tor. Aber sie wollten mich nicht reinlassen. Wahrscheinlich fürchteten sie, ich sei ein Spion... wobei ich bis heute keine Ahnung habe, was man da hätte ausspionieren können. Ich sagte ihnen, ich würde mich vor ihr Tor legen, sie könnten ja dann entscheiden, ob sie mich dahinsiechen sehen wollten.“ Kaya lachte. Naoto grinste. „Es war mir wirklich egal. Hätten sie mich liegen gelassen, wäre ich eben verhungert. Wen hätte es schon gekümmert, mich nicht und meinen Vater sicher nicht. Der hielt mich wahrscheinlich sowieso schon längst für tot und freute sich darüber. Als ich das nächste Mal erwachte, lag ich offensichtlich in einem Haus, hatte eine Decke auf meinem Körper, einen nassen Lappen auf der Stirn und den Geruch von Kräutern und Ähnlichem in der Nase. Kurz darauf kam ein alter Mann herein und begrüßte mich freundlich. Er hatte mich sozusagen in diesem Moment adoptiert.“ Naoto lachte. „Etwas später erklärte er mir, dass er ein Gelehrter sei, der sich vor allem mit Medizin auskannte. Er hatte eine feine Art zu sprechen und die habe ich irgendwann wohl kopiert.“ Er lachte noch einmal. „Er brachte mir alles bei, was er wusste. Oder zumindest nahezu alles. Er war es auch, der mir die Geschichte deiner Eltern erzählte und mir sozusagen die Begeisterung für die Emishi und für die Legende von Prinzessin Mononoke mit auf den Weg gab. Und ich erzählte ihm von China, vom Meer, vom Segeln, von meinen Beobachtungen, die ich während meiner Reise in der Natur gemacht habe... und von meinem Vater. Er ist bis heute der einzige, dem ich jemals von ihm erzählt habe. Und er hat es für sich behalten.“ Naoto blieb kurz still, dann lachte er auf einmal auf. Sein Lachen klang fröhlich und liebevoll. „Er sagte immer, dass man meinem Vater doch eine gewisse Genialität zu Gute halten müsse, da er es sechzehn Jahre lang und währenddessen zweimal auf einem Schiff geschafft hatte, mich vollkommen geheim zu halten. Er sagte dauernd etwas in der Art. Er ließ mich die Sache mit meinem Vater auf diese Weise etwas lockerer sehen. Der gute alte Go.“ Er lachte noch einmal dieses warme Lachen. Kaya lächelte.
„Mit den anderen Dorfbewohnern hatte ich nahezu keinen Kontakt. Es gab da einmal“ – er lachte verlegen – „dieses eine Mädchen, in das ich mich verkuckt hatte. Aber sie konnte mich nicht leiden. Und im Grunde kannte ich sie genauso wenig wie die anderen alle... außerdem entpuppte sie sich als wirklich unangenehme Person.
Viele nannten mich schon den „jüngeren Go“ oder etwas in der Art. Go war genauso verschlossen wie ich, wohl auch schon immer. Ich finde das allerdings auch nicht sonderlich verwunderlich. Die Menschen dort waren alle so verängstigt und irgendwie einfach... seltsam. Wobei, andererseits werden sie dasselbe wohl auch von mir gedacht haben. Ich war nicht wirklich unglücklich, sie zu verlassen. Das einzige, was beim Gedanken an das Dorf schmerzt, sind die Erinnerungen an Go. Ich weiß nicht, ob er überlebt hat, als die Soldaten in unser Dorf einfielen.“
Es blieb kurz still. Naoto starrte auf seine Füße. Dann sagte er: „Na ja, und dann habe ich dich getroffen.“ Mehr nicht. Er sah sie einfach nur an. Er sah sie direkt an mit seinen wohlgeformten dunklen Augen.
„U-und?“, fragte Kaya und wurde ein wenig rot angesichts ihres Stotterns.
„Und... du warst mir irgendwie sofort wichtig. Das ist der Grund, weshalb ich unbedingt mit dir nach Kyoto wollte. Du warst... wie soll ich es sagen... du bist – und seit Neuestem sind auch die anderen aus Irontown und Irontown selbst – ein Teil meines Lebens. Der nächste Abschnitt. Mein persönliches nächstes Kapitel. Verstehst du?“
Kaya nickte. Naoto lächelte. „Gut. Darauf hatte ich gehofft.“
„Aber Naoto... Was willst du jetzt machen?“
Er sah sie fragend an.
„Du warst dabei, ein Gelehrter zu werden. Du wolltest dir Wissen aneignen, du wolltest... du warst dabei, jemand wahrhaft Großes zu werden! Hier in Irontown wird das nicht aufkeimen. Hier wird das alles nur... nutzlos sein und vielleicht sogar verloren gehen. Du solltest dein Leben nicht hier verbringen.“
Er schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich wollte nie etwas Großes werden. Ich habe mir das alles angeeignet, weil ich es interessant fand, sonst nichts. Anfangs vielleicht auch noch, um meinen Vater loszuwerden.“
„Ja aber... es wäre einfach schade darum. Du hast so viel Arbeit hinein gesteckt und es gibt so wahnsinnig viele Menschen, die das alles nichts wissen. Sie wissen nichts von Medizin, von China, vom Meer, vom Segeln, von der Geschichte unseres Landes und der anderer Länder. Und du kannst es ihnen beibringen.“
„Das stimmt. Ich kann. Aber vielleicht will ich es nicht.“
Kaya wandte den Blick ab.
Nachdem sie eine ganze Weile stumm dagesessen hatten, sagte Naoto mit einem Mal leise: „Kaya... darf ich...“ Er brach ab.
„Was ist?“, fragte sie und sah ihn an.
„Ich wollte... dich um einen Gefallen bitten.“
„Natür...“
„Stopp. Sag nicht ja, bevor ich zuende gesprochen habe“, sagte Naoto schnell und legte ihr eine Hand auf den Mund. Dann sah er zu Boden und fuhr fort: „Vorhin, da... du weißt, ich wäre so niemals, wenn ich alle meine Sinne zusammen habe. Aber... zumindest zu kleinen Teilen weiß ich noch, was ich vorhin wollte.“
Kaya schluckte.
„Und...“ Er sah sie wieder an. „Ich wollte dich fragen... ob du es für möglich hälst, diesen kleinen Teil... zuzulassen.“
Kaya atmete schneller. Ihr Herz pochte wie wild. Was bedeutete das? „Was meinst du mit diesem kleinen Teil?“
Er antwortete nicht.
Stattdessen näherte er sich langsam ihrem Gesicht.
Kaya konnte sich nicht vorstellen, was er ihr antun konnte, jetzt, da er die ganze Zeit wieder so freundlich, vorsichtig und einsichtig gewesen war. Trotzdem sagte ihr ihr Kopf, sie solle sich von ihm entfernen.
Doch anstatt zurückzuweichen, kniff sie die Augen zu und erreichte ihr Ziel. Da sie ihn nicht mehr sah, löste er auch keinen Reflex mehr aus.
Sie wartete noch den Bruchteil einer Sekunde, dann spürte sie auf einmal etwas Weiches auf ihren Lippen. Sie zuckte automatisch zurück, doch dann kehrte ihr Kopf wie von selbst wieder in seine alte Position zurück.
Und wieder spürte sie das Weiche und sie öffnete ihren Mund instinktiv einen Spalt breit. In ihrem Kopf drehte sich alles. Ihre Lippen waren trocken. Ein leiser Laut, der einem Seufzen glich, entkam ihr, als Naotos Lippen in ihre griffen.
Auf einmal konnte sie nichts mehr denken, konnte sich nur noch auf dieses Gefühl konzentrieren. In ihrem ganzen Körper kribbelte es und sie zitterte ein wenig. In ihrem Gesicht und ihren Ohren brannte ein Feuer, so schien es ihr.
Nachdem er sie also einige Male zärtlich geküsst hatte, ließ er von ihr ab.
Kaya saß schwer atmend und mit starrem Blick da. Dann blinzelte sie und sah Naoto an. Doch er schaute nicht zurück. Er sah noch einen Moment auf den Boden vor sich, dann stand er auf.
Kaya sah ihm verwundert dabei zu, wie er seine Hose abklopfte, sich umdrehte und ihr lächelnd eine Hand reichte. Perplex griff sie danach.
„Na dann... du solltest langsam sicher wieder nach Hause. Sonst wachen deine Eltern noch auf und denken sich ihren Teil“, sagte er. „Und ich muss auch mal in ein richtiges Bett.“
Kaya sah ihn durchdringend an. Er wirkte, als würde er es gar nicht merken. Dann ging er an ihr vorbei und sagte: „Bis morgen. Die Heilerin hat mir einen Schlafplatz angeboten. Scheinbar findet sie mich interessant.“ Er lachte.
Kaya wurde immer verwirrter. „Naoto...“
„Ja, was ist?“
„Was... soll ich jetzt so tun, als sei nichts passiert oder warum benimmst du dich so komisch?“
„Was? Ist denn etwas passiert?“ Er lächlte sie an, dann verschwand er hinter der Hausecke.
Und Kaya stand da und fühlte sich, als hätte ihr jemand das Herz heraus gerissen, es zerbrochen und dann deletantisch versucht, es wieder zusammenzubasteln.




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