Startseite
  Archiv
  Kapitel 1
  Kapitel 2
  Kapitel 3
  Kapitel 4
  Kapitel 5
  Kapitel 6
  Kapitel 7
  Kapitel 8
  Kapitel 9
  Kapitel 10
  Kapitel 11
  Kapitel 12
  Gästebuch
  Kontakt
 


 
Links
   keMonono - Originalseite

http://myblog.de/fanfic2

Gratis bloggen bei
myblog.de





 

=&===&===&=
Kapitel 9
=&====&===&===&=

Der nächste Morgen wurde eine Katastrophe. Kaya wachte auf und stieg hinunter in den Wohnraum, mitten hinein in einen Streit ihrer Eltern über ein Thema, das sie wahrscheinlich beide schon nicht mehr kannten.
Kaya verließ das Haus, äußerst schlecht gelaunt – wie immer, wenn ihre Eltern stritten.
Draußen begegnete sie irgendwann Takashi, der ebenfalls eine recht düstere Miene machte. Sie lief zu ihm hinüber.
„Morgen, Takashi.“
„Morgen.“
„Was ist los?“
„Ach... nichts Bestimmtes... Und bei dir?“
„Meine Eltern haben Streit“, knurrte Kaya.
„Oh. Klasse“, sagte Takashi sarkastisch. Kaya lachte.
„So lachst du wohl nicht mehr nur mit mir.“
„Was?“ Kaya verstand überhaupt nichts.
Takashi blieb stehen. „Ich meinte, dass du so auch ständig lachst, wenn du mit Naoto zusammen bist. Mit diesem... diesem Rindvieh.“
„He! Pass auf, was du sagst!“
„Von dir lass ich mir nicht den Mund verbieten! Schon gar nicht, wenn es um den geht! Der ist für mich echt gestorben! Und bei dir sollte es eigentlich genauso sein!“
„Was... was soll denn das jetzt bitte heißen?“ Langsam wurde Kaya wirklich sauer.
„Also ich würde denjenigen hassen, der mich erst besoffen macht und dann versucht, mir ans Leder zu gehen!“
„Wa...?“ Nun war sie nur noch verwirrt. „Woher weißt du das?“
„Ich hab euch gesehen, was denn sonst! Wenn du nicht den Dolch deiner Mutter benutzt hättest, hätte ich eingegriffen!“
„Also... also hast du da aufgeatmet!“, rief Kaya.
„Wahrscheinlich. Und? Hat er es doch noch geschafft, sich an dich ranzumachen? Sags mir, ich bin neugierig. Diese Eigenschaft scheint ja seit Neuestem gut bei dir anzukommen. Aufdringlichkeut, Neugier, Schleimereien, Klugscheißerei... vielleicht sollte ich mir das alles auch angewöhnen, damit ich wieder dein bester Freund werde, was?“ Tränen standen in Kayas Augen. „Wie kannst du nur so herzlos sein?“, flüsterte sie. „Was ist nur mit dir los?“
„Was mit mir los ist? Muss ich dir das wirklich erst sagen?! Sag mal, ist dir eigentlich klar, was dieser... dieser Mistkerl mit dir machen wollte?!“
Kaya schnappte nach Luft. Warum machte er das? Auf einmal fiel ihr der Traum von gestern wieder ein. „Du hast ihn umarmt! Ich bin dein bester Freund!“ „Aber vielleicht hat es dir ja in Wirklichkeit gefallen, wie? Vielleicht magst du ihn ja gerade deshalb!“
Das war zu viel. Kaya holte weit aus und gab Takashi eine Ohrfeige, dass es nur so schallte.
Du bist der Mistkerl hier!“, schrie sie. Dann lief sie davon, auf das Tor zu. Jetzt gab es nur einen Ort, an dem sie sich wieder besser fühlen konnte.
Takashi stand noch einen Moment da, den Kopf und den halben Körper noch immer gedreht von der Wucht des Schlages, seine rechte Wange taub vor Schmerz. Er blinzelte. Das hatte gesessen.
Allerdings hatte es nicht das Geringste verändert. Takashi schüttelte den kopf, dann lief er los, quetschte sich durch die Menschen, sah sich die ganze Zeit um. Dieser Naoto konnte sich auf was gefasst machen. Wenn er den in die Finger bekam, dann konnte dieser Spinner ein blaues Wunder erleben!

Kaya lief und lief und lief, bis ihre Beine taub wurden und sie die anaerobe Phase schon längst hinter sich gebracht hatte.
Sie lief den ganzen Felsweg entlang. Die Hügel hinauf und wieder hinunter, zwischen Bäumen und Gestrüpp hindurch, über den Fluss und kleine Gewässer, unter und über umgefallene Bäume, sie lief und lief, bis sie schließlich am See ankam. Dort brach sie zusammen und fiel ins weiche Moos.
Zuerst atmete sie nur schwer, dann kam alles wieder in ihr Bewusstsein. Ihr Körper begann zu zucken und kurz darauf schluchzte sie in den Waldboden. Warum waren Männer so kompliziert?! Was war denn das Problem? Was sollte das gestern mit dem Kuss, wenn er doch sonst scheinbar nichts gewollt hatte? Existierte überhaupt ein Zweifel daran, dass Takashi immer noch ihr bester Freund war? Warum war er so seltsam und immer so feindlich gegenüber Naoto? Warum konnte nicht einfach alles in Ordnung sein?! Was war mit der Welt nur los? So konnte es doch nicht schon immer gewesen sein... Dauernd Krieg und Verderben. Dann hatte man gerade mal Zeit, fünfzehn Jahre alt zu werden und dann stolperte man über einen vaterlosen Flüchtling, der alles wusste. Dann zog man in den Krieg und wenn man endlich zurückkam, spielte alle Welt verrückt! Was sollte denn das?!
Kaya schlug das Moos vorsich immer wieder mit der Faust. Was hatte sie nur falsch gemacht? Was?
Sie lag noch eine Weile so da, dann regte sie sich langsam wieder ab und stand auf. Sie wischte sich kurz im Gesicht herum, dann ging sie auf den See zu. Sie ging hinein und tauchte einfach ab.
Von der Sonne gewärmtes Wasser umströmte sie und wusch ihr die Tränen om Gesicht. Unter ihren Füßen bewegten sich die Wasserpflanzen. Vor ihr fiel der Boden sacht immer weiter ab. Und da vorne konnte man, wenn man ganz genau hinsah, die Insel im Wasser sehen, wie sie langsam aus dem Wasser stieg, bis der Boden schließlich die Wasseroberfläche erreichte.
Kaya tauchte wieder auf. Dann legte sie sich auf den Rücken und machte leichte Schwimmbewegungen. Dann blieb sie still im Wasser liegen und starrte zu den Bäumen hinauf. Dann machte sie wieder einen kleinen Zug...
So brauchte sie etwa eine Viertelstunde, bis sie schließlich merkte, wie der Boden unter ihr wieder anstieg. Sie drehte sich im Wasser um und krabbelte auf die mit Gras und Moos bewachsene Insel. Sie starrte durch das Loch im Blätterdach hinauf zum bewölkten Himmel. Doch irgendwann wurde sie von einer seltsamen Müdigkeit befangen und schloss die Augen.
Sie wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war, als sie dieses Geräusch hörte. Sie spürte auf ihren Augenliedern ein strahlendes Licht und hörte das Geräusch von Wind, doch sie spürte keinen solchen. Als sie versuchte, die Augen zu öffnen, biss ihr das Licht förmlich hinenin, also schloss sie sie schnell wieder. Sie konnte nur horchen.
Kurz darauf spürte sie, wie das Licht langsam, ganz langsam nachließ und dann, wie etwas immer wieder auftrat. Dieses Etwas kam ganz offensichtlich näher.
Vorsichtig blinzelte Kaya und öffnete dann ihre Augen. Das Licht wurde immer weniger und dann war etwas zu erkennen... DAS Etwas. Ein seltsames Gesicht. Kaya bekam einen Riesenschreck und schrie auf.
„WAAAAAAH!“

Takashi hetzte immer noch durch die Straßen. Wo war er bloß, er konnte doch schlecht weg sein!
Und dann sah er ihn. Er stand da und schloss scheinbar gerade ein Gespräch ab. Den anderen Mann kannte Takashi nicht besonders gut...
Er wartete an einer Hausecke, bis der andere weg war, dann setzte er sich wieder in Bewegung und lief auf Naoto zu.
Der drehte sich beim Geräusch von Schritten um und machte ein freudiges Gesicht.
„Hallo, Takashi!“, rief er. Als er Takashis düstere Miene sah, verschwand das Lächeln auf seinem Gesicht.
„Was ist lo...?“ Weiter kam er nicht. Takashi machte einen Satz auf ihn zu und verpasste ihm einen Faustschlaf ins Gesicht.
Naoto stolperte einige Schritte zurück. „Was – was soll das, Takashi?“, fragte er leicht verwirrt.
Takashi stand schwer atmend da. „Ich wusste, man kann dir nicht vertrauen!“, schrie er, „Ich hab es die ganze Zeit gewusst! Wie kannst du es wagen, Kaya das anzutun?!“
Naoto sah ihn einen Moment überrascht und ein wenig entsetzt an. „Was meinst du damit?“
„Du weißt genau, was ich meine! Erst verkriechst du dich in irgendeine abgeschiedene Ecke und trinkst dich dumm, weil du genau weißt, dass sie dich suchen wird! Und dann, wenn sie kommt, versuchst du, dich über sie herzumachen! Ich hab dich die ganze Zeit beobachtet! Das war doch alles von vorn bis hinten durchgeplant! Du bist nichts als ein herzloser Mistkerl!“
Naoto schüttelte ernst den Kopf. „Nein. Das stimmt nicht. Ich weiß, dass du dich ganz gut in andere hineinversetzen kanst, aber da hast du vollkommen daneben gegriffen. Es war eine Reihe von Zufällen...“
„Halt’s Maul!“, brüllte Takashi. „Dir glaub ich ein Wort mehr! Du hast versucht, meine beste Freundin zu... zu...“
Naoto öffnete den Mund, um ihm auszuhelfen, aber Takashi unterbrach ihn. „Nein! Lass diese ewige Besserwisserei! Es ist mir egal, wie es heißt, es reicht, wenn ich weiß, was du ihr antun wolltest!“
„Takashi, hör mir doch zu. Ich weiß, wie falsch und schrecklich das war, was ich vorhatte. Und es tut mir unendlich Leid. Ich weiß auch, dass ich das nie mehr restlos wiedergutmachen kann, aber...“
Takashi knurrte genervt. „Genau das meine ich! Dieses dauernde Entschuldigung-Gelabere! Aber hinter dieser Fasade bist du nichts als ein unfähiger Verrückter!“ Er rannte auf Naoto zu, wobei er weit ausholte. Naoto blieb mit einem ernsten Gesicht stehen, wo er war.
Als Takashis Faust sich seinem Gesicht näherte, hob er eine Hand.
Takashis Faust rammte dagegen – und sorgte nicht einmal für ein Zucken. Überrascht blieb Takashi stehen.
„Hör auf, ich bitte dich“, sagte Naoto und sein Gesicht bekam einen flehenden Ausdruck. Takashi biss wütend die Zähne zusammen. Er trat nach Naoto. Dieser sprang ein Stück zurück.
„Ist das alles was du kannst? Ausweichen?“, fragte Takashi voller Hohn. „Du Feigling! Dich mitten in der Nacht langsam an ein Mädchen ranmachen, das kannst du! Aber sobald es ein bisschen gefährlich wird, versuchst du zu laufen!“
Zum ersten Mal seit Takashi auf ihn getroffen war, zeichnete sich Wut auf Naotos Gesicht ab.
Takashi grisnte. „Ich wusste doch, dass ich Recht hatte! Die ganze Zeit schon!“ Er rannte wieder auf Naoto zu und schaffte es dieses Mal tatsächlich, ihm in die Magengegend einen Hieb zu versetzen.
Naotos Gesicht war schmerzverzerrt. „Takashi... was willst du damit erreichen?“, fragte er, als er sich wieder aufrichtete.
„Ich will dir zeigen, wo du hingehörst, du Mistkerl!“
„Fein...“ Nun sah Naoto wirklich wütend aus. „Wenn du meinst, das tun zu müssen, bitte.“
Takashi grinste gehässig.

Kaya stolperte zum See hinunter, sprang hinein und schwamm so schnell sie konnte zum Ufer.
Sie hatte es fast geschafft, da drehte sie sich um und bekam einen Schock: Das Ding folgte ihr. Gleichmäßig kam es ihr immer näher.
Kaya hastete zum Ufer, kletterte schwer atmend aus dem Wasser und blieb erst mal auf allen Vieren. Dann drehte sie sich langsam um. Und das, was sie sah, ließ ihr fast das Herz stehen bleiben. Dieses komische Ding lief über das Wasser. Einfach so. Es setzte einen breiten Fuß vor den anderen und schritt langsam voran, wobei es sie die ganze Zeit anglotzte, ohne auhc nur ein einziges Mal zu blinzeln.
Kaya hätte am Liebsten geschrieen, aber aufgrund ihrer Atemlosigkeit und dem Wasser in ihrem Gesicht, kam dabei eher so etwas wie ein verängstigtes Fiepen heraus. Sie plumpste auf ihren Hintern und krabbelte panisch rückwärts, als das Wesen aufs Festland trat und unbeirrt weiter auf sie zukam. Und dann stieß sie gegen einen der dicken Bäume. Aber sie hatte nicht die Kraft, sich weiterhin weg zu bewgen, es war wirklich seltsam. Sie sah sich nicht in der Lage, aufzustehen.
Zitternd beobachtete sie das Etwas, wie es immer weiter auf sie zukam. Immer näher, immer näher kam dieses maskenartige Gesicht mit dem eigenartigen Geweih näher. Immer weiter schritten die dreizehigen breiten Füße auf sie zu, bis der große breite Körper mit dem dicken, langen Fell direkt vor Kaya zum Stehen kam.
Angstvoll und noch immer zitternd blickte Kaya zu dem Wesen auf. Ihre Beine waren angezogen und sie hatte sich ganz klein gemacht.
Der große, sonderbare Kopf senkte sich langsam zu ihr hinab und die roten Augen weiteten sich mit einem Mal.
Kaya zuckte zusammen. Doch es passierte nichts. Jedenfalls zuerst nicht.

Dann durchzuckte Kaya ein heißer Blitz und ihr Blick wurde trüb. Als er wieder klarer wurde, sah sie einen kleinen Jungen vor sich, der vom Boden aufstand und dabei verschämt lachte... Takashi? Nein... Takashi hatte schwarze Augen. Die Augen dieses Jungen waren mehr blau... nein, grün... beides? Auf einmal wurde Kaya klar, wen sie da vor sich sah; das war Daisuke! Sie selbst lächelte, ohne dass sie es vorgehabt hatte. Die Szene wechselte. Über sich sah sie ein dichtes Blätterdach mit kleinen Löchern darin. Das war doch ihr Wald! Das musste er sein... Sie blinzelte geblendet und ihrer Kehle entkam ein Schrei... aber keiner mit ihrer Stimme... vielmehr hörte sie sich an wie... wie ein Baby. Ein Kopf schob sich in ihr Blickfeld. Ein weißer, riesiger Kopf. Im ersten Moment dachte Kaya, Ni vor sich zu haben, aber dieser Wolf hatte eher ein cremefarbenes Fell. Für weitere Gedanken blieb keine Zeit, das Szenario wechselte ein weiteres Mal. Doch kaum war es erschienen, schon war es wieder weg. Kaya hatte gar keine Zeit, seinen Inhalt wahrzunehmen. Genauso erging es ihr mit den folgenden Bildern. Es waren immer nur kurze Momente; einmal konnte sie erkennen, wie sie einer Serau hinterherjagte und einmal bekam sie es gerade so mit, als sie von einem Tier fiel, das aussah wie Shizuka in jungen Jahren. Die schnellen Wechsel gingen noch eine ganze Weile so weiter, doch dann wurde es auf einmal wieder langsamer. Sie blickte auf eine Mauer, die scheinbar einen Wald abgrenzte. In ihren Händen hielt sie Pfeil und Bogen und sie war äußerst angespannt.
Wechsel.
Kaya spürte einen schrecklichen Schmerz in ihrem rechten Arm. Sie sah hinab und erschrak. Um ihren Arm hatte eine dickflüssige Masse gebildet, die langsam abschmolz und dabei dampfte. Kaya biss die Zähne zusammen und sah auf, ohne es selbst zu steuern.
Plötzlich war der Dampf vor ihren Augen verschwunden. Sie hob auf einmal ihre Arme und hatte einen Bogen in der linken Hand, einen Pfeil in der rechten... den Pfeil in der rechten? Wie konnte das sein, sie war doch Linkshänderin! Ihren Arm durchfuhr der gleiche Schmerz und unter ihrem Ärmling – der seltsamerweise dunkelblau war und nicht dunkelrot, so wie sonst immer – blubberte etwas Wurmförmiges. Was ging hier vor?! Auf einmal befand sie sich in dichtem Regen und auf dem Rücken eines großen Wolfes. Sie war eingehüllt in ein Fell und sie hatte etwas auf dem Gesicht, das nach Ton roch. Von irgendwo kamen Schüsse.
Als nächstes blickte sie durch die Wurzeln eines dicken Baumes. Sie hatte Stoff vor Mund und Nase, doch trotzdem erkannte sie den Geruch, der immer da ist, nachdem es geregnet hat. Vor ihren Augen floss ein reißender Fluss und da drüben war ein Stück sandig-felsiger Boden, auf den gerade ein cremefarbener und zwei eisblaue Wölfe traten, von denen einer eine junge Frau auf seinem Rücken trug. Die Frau saugte Blut aus einer Wunde in der Seite des cremefarbenen Riesenwolfes, dann drehte sie sich auf einmal um und sah zu Kaya hinüber. Kaya spürte, wie sie sich aufrichtete und auf den umgefallenen Baum sprang – ohne, dass sie es selbst gewollt hatte.
So ging es noch eine ganze Weile weiter, einmal sauste sie auf dem Rücken eines Wolfes auf Irontown zu und wurde kurz darauf zu den Palisaden hinauf geschleudert. Einmal wurde sie von einer Kugel durhbohrt und sah vor sich das Blut spritzen, auf ihren Schultern spürte sie ein schweres Gewicht.
Von einem Schwert, das sie zückte und jemandem voller Hass und Abscheu an den Hals hielt, ging es über ein Gespräch mit einem riesigen weißen Wildschwein und eine nächtliche Unterredung mit dem cremefarbenen Wolf bis hin zu einem brennenden Schmerz, einem Feuer, das in ihrem ganzen Körper loderte, und kurz darauf rote, schlangenartige Gebilde aus ihrer Hand schießen ließ.
Und dann fühlte Kaya auf einmal Wärme. Unheimlich wohltuende Wärme, während die Bilder vor ihren Augen für einige Momente abrissen und einer verschwommen, gelblichen Masse Platz machten. Währenddessen breitete sich die Wärme in Kaya aus, bis sie sie ganz erfüllte und Kaya wusste auf einmal, was sie da zu spüren bekam: Zuneigung. Unendliche Zuneigung wurde ihr zugebracht... und zwar scheinbar von diesem seltsamen Wesen.
Langsam tauchte wieder ein Bild auf. Zuerst verschwommen und mit der gelben Masse verschmolzen, dann wurde es klarer und klarer und dann sah Kaya auf einmal über sich ein felliges Etwas. Kurz darauf spürte sie am ganzen Körper Schmerz. Sie sah an sich hinab und erschrak, als sie die schwärzlich-lilafarbenen Male entdeckte, die sich auf ihrem ganzen Körper ausbreiteten, während ein grünilcher Schleim auf sie hinabtroff. Ein Arm legte sich um ihre Taille und sie konzentrierte sich voll und ganz darauf, dieses seltsame Etwas – es schien Ähnlichkeiten mit einem Kof oder soetwas zu haben – so weit in die Höhe zu halten, wie es ging. Ihr Herz pochte wie wild. Ihr ganzer Körper brannte von den Wundmalen. Über dem Kopf waberte eine Art blaue Flüssigkeit mit leuchtend grün-gelben Einschlüssen auf sie zu.
Die Zuneigung wurde noch größer, als das hellblaue Zeug auf einmal auf sie übergriff und sie nichts mehr sah außer strahlendem Gelb. Sie kniff die Augen zusammen. Der Arm um ihre Taille presste sie ganz fest an einen anderen Körper.
Und dann riss das Bild auf einmal ab.
Die Bilder lösten sich auf und Kaya sah wieder in dieses affenartige rote Gesicht mit dem ständig lächelnden Mund.
Und da... da kam ihr plötzlich die Erkenntnis.
„Du... du bist...“ Aber ihre Mutter hatte doch immer gesagt, er sei tot! Verschwunden, auf Irontown gestürzt, das hatte auch Toki immer gesagt, all die anderen hatten das gesagt. Nur ihr Vater nicht, er sagte immer, dieses allmächtige Geschöpf könne nicht sterben.
Aber jetzt... jetzt stand er vor ihr. Lebendig... vollkommen lebendig. Er empfand Zuneigung für sie und...
Wieder wurde es Kaya etwas klarer. Er hatte in ihr die Vergangenheit gelesen – die Vergangenheit ihrer Eltern. Ihre Eltern hatten ihm seinen Kopf zurückerobert, so, wie es alle immer gesagt hatten. Er hatte in ihr auch alles gesehen, was er wohl vorher noch nicht gesehen hatte.
Aber was wollte er von ihr?
Ganz unwillkürlich streckte Kaya langsam eine Hand nach ihm aus. Er blickte auf die Hand. Kaya stutzte kurz, doch als nichts geschah, kam sie näher.
Da schoss auf einmal eine Ranke aus dem Boden, frisch und grün. Sie wuchs in Windeseile und wand sich fest um Kayas Handgelenk. Kaya keuchte erschrocken. Dann versuchte sie sich loszureißen, aber es ging nicht, sosehr sie sich auch abmühte.
Der Waldgott kam ihrer Hand ein kleines Stück näher. Dann riss er wieder so die Augen auf. Kaya durchfuhr ein Blitz und ihr wurde für einen kleinen Moment schwarz vor Augen. Als sie wieder langsam zu Bewusstsein kam, war sie erfüllt von Kälte. Oder nahender Kälter, noch spürte sie nur eine Vorahnung des Eises.
Dann erschienen wieder die Bilder.

Takashi stürzte mit einem Aufschrei zu Boden. Jeder Atemzug jagte ein Zittern durch seinen Körper.
Naoto stand schwer atmend über ihm und wischte sich etwas Blut aus dem Mundwinkel. Takashi richtete sich langsam auf. Wo nahm dieser Kerl solche Kraft her?! Gut, er war nicht mehr so dürr wie anfangs, nicht ganz so dürr, aber es war kein großer Unterschied. „Du... warum legst du so viel Kraft da rein...“
„Weil du mich dazu zwingst.“
Takashi lachte verächtlich auf. „Du Spinner... Ich werde...“
„Hör endlich auf, Takashi. Was macht das für einen Sinn?“
„Wenn du keinen Sinn siehst, warum verschwindest du dann nicht einfach?!“ Takashi sprang blitzschnell auf und stürzte ein weiteres Mal auf Naoto zu.
Naoto packte seine Faust und trat aus, um ihm die Beine wegzureißen.
Takashi sprang zur Seite. Den Trick kannte er schon.
„Wo hast du das Kämpfen gelernt?“, keuchte er.
„Ich habe es mir beigebracht“, antwortete Naoto.
„Als ob du dazu fähig wärst!“, fauchte Takashi und schlug ein weiteres Mal nach ihm. Dieses Mal gelang es Naoto nicht, den Schlag zu blocken. Takashis Faust traf ihn mit aller Wucht aufs Auge.
Naoto stolperte stöhnend rückwärts.
Takashi grinste. Er stürmte auf Naoto zu. Jetzt hatte er ihn.
Im letzten Moment hob Naoto den Arm und –
Das nächste, was Takashi spürte, war ein Schmerz direkt unterhalb seines Brustkorbes. Er war in vollem Lauf in Naotos Ellenbogen gerannt. Ihm blieb die Luft weg und er wankte rückwärts. Mann, das hatte wehgetan! Er stand noch immer gekrümmt da.
Naoto verzog keine Miene. Er nahm nur langsam die Hand von seinem Auge und fragte: „Meinst du nicht, dass es jetzt reicht? Hast du dich nicht langsam abreagiert?“
„Abreagiert?! Ist dir eigentlich immer noch nicht klar, warum ich dich angegriffen habe? Vielleicht ist dir ja nicht mal klar, was du da vorhattest, du Irrer!“
Naoto nickte. „Doch, habe ich. Ich weiß es und es tut mir Leid und das habe ich dir und auch Kaya bereits mehrere Male gesagt. Ich weiß, ich kann es dadurch nicht rückgängig machen, aber meinst du denn, dass du das kannst, indem du wie ein Wilder auf mich einschlägst?“
„Du warst aber auch nicht gerade zimperlich...“, knurrte Takashi. „Und überhaupt merkt man dir überhaupt nichts davon an, dass es dir Leid tut, du sagst es immer bloß so kühl und... Moment mal, wann hast du dich eigentlich wie bei Kaya entschuldigt? Sie ist weggelaufen, nachdem sie dich verletzt hatte, das weiß ich noch. Und heute Morgen lief sie in den Wald, nachdem ich sie gesehen hatte. Wann hast du dich da bei ihr entschuldigen können...?“
Naoto zuckte mit den Schultern. „Letzte Nacht.“
„Was... Ich verstehe überhaupt nichts mehr...“
Naoto betrachtete ihn zweifelnd. „Dein Gehirn hat noch nicht wieder auf den Verstand-Modus umgeschaltet, oder? Sie kam später noch einmal zu mir und...“
„Was und?“, fragte Takashi ruppig, als Nato nicht sofort weitersprach.
„Na ja, sie wollte sich bei mir entschuldigen... wegen dem Kratzer und dem Schlag... völlig unberechtigt natürlich... Und da habe ich mich eben auch bei ihr entschuldigt.“
Takashi runzelte die Stirn. „Nichts weiter?“ Er war ehrlich überrascht, als Naoto ruckartig den zuvor gesenkten Kopf hob und ihn wütend ansah. „Nein, nichts weiter! Was soll die Frage?“
„Nun... äh... Ich wollte nur...“ Takashi war vollkommen überrumpelt. „Das... ist mir nur so rausgerutscht... kein Grund, gleich so wütend zu werden...“
Naoto stand auf. Sein Gesicht war wieder vollkommen neutral. Er setzte sich in Bewegung.
„Eh... Halt, Moment mal, wo willst du hin?“, fragte Takashi.
Naoto drehte sich um und sah ihn an. „Ich suche mir ein Stück Fleisch oder etwas in der Art.“
Takashi musste ihn wohl ziemlich bescheuert angestarrt haben, denn Naoto lachte laut auf. „Ich muss mir was auf mein Auge tun. Jetzt verständlicher?“
Takashi nickte knapp.
Naoto lächelte schief. Dann streckte er Takashi eine Hand hin. „Freunde?“
Zögerlich hob Takashi seine Hand. „Aber nur solange du Kaya vom Leib bleibst. Und das mein ich genauso, wie ich es sage.“
Naoto lachte. „Jaja, ich verstehe schon.“
„Gut.“ Takashi schlug mit skeptischem Blick ein.
Naoto lächelte erleichtert. Dann ging er wirklich.
Takashi rieb sich den Solar Plexus. Das musste er sich merken. Vielleicht sollte er Naoto irgendwann mal unauffällig nach anderen anatomisch für den Kampf vorteilhaften Stellen fragen. Aber vor allem unauffällig.

Kaya schluckte, als das Geschehen klarer wurde. Sie befand sich in einem Zeltlager. Sie ging durch einige Zeltreihen. Dann trat sie zwischen den Zelten hinaus und sah auf ein Schlachtfeld.
Ihr Herz begann wie wild zu pochen.
Sie stürmte den Hügel hinunter; einerseits spürte sie, dass sie nichts anderes wollte, aber sie spürte auch, dass sie sich fürchterlich dagegen sträubte – es waren zwei Seelen... die von damals und die von heute. Die heutige sagte: Zurück, weg hier, es werden zu viele sterben, weg hier, zurück in den Wald, Flucht!
Aber die von damals in Kyoto schrie förmlich: Runter, hin, kämpfen, TÖTEN!
Die nahende Schlacht löste sich in einem Strudel. Das nächste Bild versetzte Kaya einen Schock.
Sie hielt gegen ein anderes Schwert an. Gegen das Schwert eines Jungen... Sie wollte ihn nicht töten...
„Lauf. Lauf einfach weg, sonst muss ich dich töten!“, sagte sie, so ruhig es ging.
„Ich laufe nicht! Ich laufe nicht vor einem Mädchen davon! Ich werde dich töten!“ Seine Stimme zitterte vor Anspannung. Trotzdem war ohne Probleme bemerkbar, dass es noch eine Kinderstimme war. Eine wirkliche Kinderstimme, nicht so eine, die langsam ein wenig tiefer wurde und dann zu schwanken begann, so wie die von Takashi.
Kaya verstärkte ihren Druck. Lauf doch einfach wg! Ich will dich nicht töten!, dachte sie fieberhaft.
Der Junge keuchte auf. „Was tust du?!“, ächzte er überrascht.
Kaya starrte ihn an. Sie wollte ihn irgendwie verscheuchen. Darauf besessen, ihn irgendwie wegzujagen, achtete sie nicht mehr auf ihren Schwertarm.
Der Junge zog sein Schwert weg und holte schreiend aus.
Gerade noch rechtzeitig konnte Kaya blocken.
Auf einmal spürte sie in sich einen Drang aufwallen. Den Drang, diesen Wicht loszuwerden – wirklich loszuwerden. Töten... sie musste töten, sonst würde man sie töten.
Sie stieß den Arm des Jungen weg und schnitt durch die Luft.
Durch einen Sprung nach hinten rettete der Junge sein Leben. Aber er hatte einen langen blutigen Kratzer in der Seite.
Sein Gesicht war schmerzverzerrt.
„Du...“ hauchte er.
„Es tut mir Leid...“, murmelte Kaya und streckte eine Hand aus.
Sie hörte nur ein surrendes Geräusch hinter sich, dann einen Schmerz in der Schulter. Die Wucht ließ sie nach vorn wanken. Ein Pfeil hatte sie getroffen.
Sie stöhnte laut auf und ihre Hand fuhr nach hinten.
Das gab dem Jungen die Gelegenheit. Er stürzte nach vorn, sein Schwert vor sich haltend.
Kayas Hand sauste von ihrem Rücken zurück an ihr Schwert.
...
NEIN!, dachte Kaya und presste sich fieberhaft die Hände an den Kopf. Nein, bitte nicht, mach das weg, mach es weg, ich will nicht! Lass mich in Ruhe, ich will das nicht noch mal sehen! Ich will das nicht noch mal tun!
Doch es stoppte nicht.
In Kaya machte sich eisige Kälte breit. Abneigung... Abscheu... ... Hass.

Kaya holte aus, um zu blocken, der Junge schlug an ihrem Schwert vorbei und verletze sie leicht. Und reflexartig versetzte Kaya ihm einen Hieb.
Nein..., dachte Kaya zittrig. Sie riss den Mund auf, doch es kam kein Ton heraus. Sie steckte in ihrem alten Körper. In dem Körper in Kyoto. Und der schrie nicht. Der starrte auf den blutenden Jungen.
Bitte nicht... mach es weg... nimm es weg... ich will es nicht sehen... ich will ihn nicht hören... er soll das nicht sagen... mach das weg...
Der Junge holte überrascht Luft.
Dann sank er auf die Knie. Sein Schwert fiel zu Boden. Seine Hände fuhren nach oben und er klammerte sich an Kayas Beine.
Dann glitt er langsam zu Boden. Er drehte noch einmal den Kopf und sah zu Kaya hinauf. Kaya zuckte zsammen. Sie spürte, wie ihr die Tränen die Wangen hinunterliefen. Ihrem jetzigen ich.
„Ich... du hast... wa... warum?“, flüsterte er. In seinen Augen schimmerten Tränen.
„Mama...“,
Nun schrie Kaya wirklich. Das Bild platzte. Sie presste sich die Hände auf die Ohren. Was hatte sie getan? Was hatte sie nur getan?!
Ich...
Nein!
...du hast...
Hör auf damit, lass mich in Ruhe!
... wa... warum?
Kaya schüttelte den Kopf, während sie sich die Hände so fest an den Kopf presste, dass sie sie nicht mehr spürte. Nicht das, bitte sag das nicht, nicht in diesem Tonfall, ich will es nicht hören...
... ...
„Mama...“
„Nein!“, schrie Kaya und riss auf einmal die Augen auf. „Warum tust du das?!“, schrie sie das rote Gesicht vor sich an. „Warum?!“
...du hast... Mama... warum...
warum...
WARUM?
Kaya krümmte sich zusammen. Die Stimme war in ihrem Kopf. Immer und immer wieder hörte sie die letzten Worte dieses kleinen Jungen.
Sie sprang auf und rannte zum See. Sie wusste nicht, wohin, sie wollte einfach nur weg, weg von diesem Wesen. Je weiter sie sich von ihm entfernte, desto lauter wurde die Stimme.
„Geh aus meinem Kopf raus!“, schrie sie panisch.
Sie erreichte das Wasser. Immer weiter watete sie hinein. Als sie bis zur Hüfte im Wasser stand, verfärbte es sich... erst wurde es trüb und dann...
Kaya stieß einen erstickten Schrei aus. Das Wasser verwandelte sich in Blut. Überall um sie herum war Blut. Als Kaya erschrocken ihre Hände hob, erstarrte sie: Das Blut floss aus ihren Händen. Es schien aus dem Nichts zu kommen.
Hastig hielt sie die Hände in den See und begann an ihnen zu rubbeln. Das ist alles ein Traum, nur ein böser Traum. Wach auf, wach doch auf!!!
Doch sie wachte nicht auf. Und genauso wenig gelang es ihr, das Blut abzuwaschen. „Verdammt!“, rief sie. Langsam packte sie wirklich die Panik. Sie war noch immer befangen von dieser hasserfüllten Kälte.
Sie hastete wieder aus dem See heraus. In ihrem Kopf drehte sich alles in einem wilden Strudel. Noch immer hörte sie die Kinderstimme.
Auf einmal verließen sie die Kräfte. Sie klappte zusammen.
„Warum...“, wisperte sie, „Warum tust du mir das an?“
Da wurde ihr auf einmal klar, dass das nicht der Waldgott war, der ihr das antat. Er ließ sie das alles nur sehen. Noch einmal sehen. Getan hatte sie es selbst.
Kaya schluchzte auf.
„Was hab ich getan... Es tut mir Leid... Es tut mir so Leid... Ich will...“
Der Waldgott drehte sich langsam um und kam auf sie zu.
Langsam verschwand die Kälte. Ganz langsam.
„Kann ich nicht... irgendetwas tun... irgendwas...“
Die Kälte zog sich ruckartig zurück, stattdessen spürte sie etwas wie einen gleißend heißen Stich im Herzen, der sich rasend schnell im ganzen Körper verteilte.
Sie schloss reflexartig die Augen.
Als sie sie wieder öffnete... war der Waldgott verschwunden.
Sie richtete sich auf und wollte sich umsehen; doch da umfing sie eine bleierne Müdigkeit und sie fiel einfach nach hinten.




Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung