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Kapitel 11
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Als sich der Wolfshöhle näherten, hörten sie eine Stimme sagen: „Wer ist denn heute dran?“
Kurz darauf hörte man begeisterte jaulende und winselnde Laute.
Takashi grinste. Naoto sah ihn fragend an.
„Sie kann immer höchstens drei Stück mitnehmen. Deshalb haben sie sozusagen eine Reihenfolge festgelegt, wer wann mitdarf.“
„Ach so“, nickte Naoto.
Kaya lachte, als die Kleinen auf sie einstürmten.
Ni lächelte, während Ayaka ihre Kinder zurechtwies.
Einige Sekunden später hatte sich dann geklärt, wer an der Reihe war. Die drei Kleinen hießen Fudo, Akina und Kanaye.
Fudo reichte Kaya bereits bis zur Kniekehle. „Heute bin ich schneller als du!“, sagte er und richtetet sich stolz auf.
„Nimm den Mund nicht so voll, Fudo... außerdem ist das kein Wettrennen, sondern mehr ein Spiel...“, ermahnte Ni.
„Ach, eigentlich ist es doch beides“, lächelte Kaya.
„Ich rieche Menschen!“, rief da auf einmal Imari.
Alle wandten sich um.
Takashi hob grüßend die Hand.
„Takashi? Seit wann läufst du denn so gern mit?“, fragte Kaya überrascht.
„Ich nicht... er“, sagte Takashi und wies mit seinem Daumen über die Schulter auf Naoto.
Kaya blieb kurz still, dann sagte sie: „Na ja, ihr müsst es wissen... wir werden aber nicht langsamer laufen, nur weil ihr dabei seid.“
„Genau! Wir laufen, so schnell wir können und hängen euch ab, ihr Menschen!“, kläffte Kanaye, energiegeladen wie immer.
„Ach, halt den Mund...“, knurrte Fudo.
Ni grinste belustigt. Die beiden erinnerten ihn immer wieder an ihn und Ichi. Naoto lächelte schief. „Da hab ich mir ja was eingebrockt...“
„Was soll denn das heißen?“, fragte Kaya.
„Ach, na ja, ich sagte zu Takashi, ich wolle sehen, wie du schneller läufst als ein Wolf, nur das ich dann mithalten muss, habe ich in dem Moment wohl nicht bedacht.“ Er lachte verlegen.
Takashi verdrehte genervt die Augen. Was für ein Trottel.
„Wer bist du eigentlich?“, fragte Niichi, der Älteste der Wolfsjungen und betrachtete Naoto skeptisch. Er hatte seine Mutter schon an Größe eingeholt, genau wie die anderen aus seinem Wurf.
„Was, ich?“, fragte Naoto, doch bevor er weiter kam, antwortete Kaya: „Er ist ein guter Freund von mir. So... langsam sollten wir aber los. Ich bring die Kleinen dann nachher wieder vorbei, wie immer“, sagte sie zu Ayaka. Die nickte. „Alles klar.“
„Na dann...“
Sie traten auf das weiche Gras zu Takashi und Naoto.
„Achtung, gleich geht’s los“, zwinkerte Kaya den beiden zu.
„Haha! Wenn ihr den Start versaut, habt ihr schon verloren!“, rief Kanaye und hopste auf der Stelle herum.
Fudo stöhnte genervt auf. „Sei doch endlich mal still!“, wies er seinen Bruder an. „Ist doch so!“, sagte Kanaye unbeirrt und presste seine Brust auf den Boden, ganz hibbelig vor Vorfreude. Sein Schwanz flirrte wie eine Bogensehne kurz nach dem Schuss. „Na ja, dann... Achtung... Los!“, rief Ayaka und lachte, als alle davonzischten.
Kanaye heulte freudig, als er zwischen den Bäumen hindurch zischte. Kaya lächelte, als sie seine Freude hörte.
Takashi und Naoto lagen ein Stück zurück. Takashi war erstaunt. Für so schnell hatte er Naoto gar nicht gehalten.
„Mannomann... wie macht sie das?“, fragte ihn Naoto.
„Ich habs dir doch gesagt. Manchmal hat sogar ihre Mutter Probleme, mit ihr mitzuhalten“, antwortete Takashi.
Nach einem guten Stück bremste Takashi aprubt ab. „So. Ab hier geh ich nur noch.“ Naoto blieb auch stehen. „Machst du das immer so?“
„Meistens, wenn ich mitlaufe, ja.“
„Aha.“
Vor ihnen zischte Kaya mit den Wölfen einen baumlosen Abhang hinunter. Sie stieß ein lautes Jubeln aus, das von den Bergen wiederhallte.
„Heieiei, wie hat sie noch Luft dazu?“, keuchte Naoto und ließ sich neben Takashi ins Gras plumpsen.
Takashi schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung.“

Kaya rannte mit den Wölfen ihre gesamte gewohnte Strecke, bis sie schließlich ankamen: An einem vergleichsweise breiten Abzweig des Flusses, in dem genug Strömung herrschte, dass man unbekümmert dort baden konnte.
Die Welpen sprangen sofort aus vollem Lauf in das kalte Wasser. Dieser Zulauf war wirklich perfekt. Man musste nicht aufpassen, dass die Kleinen auch nicht abtrieben, die Pflanzen um diesen Ort waren besonders schön und außerdem war das Wasser herrlich erfrischend.
Kaya lachte und begann, sich auszuziehen. Sie wollte auch nur noch ins kühle Nass. Kurz darauf stieg sie unter einem hohen Laut in die Kälte und tauchte erst einmal kurz unter.
„Ach, das tut gut!“, seufzte sie, als sie wieder hoch kam.
Fudo war voll und ganz damit beschäftigt, Akina ab und an wieder an die Wasseroberfläche zu ziehen, wenn ihre Beine schlapp machten. Irgendwann stieg sie aus dem Wasser, schüttelte sich und legte sich in die warme Morgensonne.

Takashi kannte Kayas Route. Sie waren schon oft auf demselben Weg spazieren gegangen.
„Ihr macht wirklich ziemlich viel gemeinsam, nicht?“, fragte Naoto, auf der Suche nach einem Gesprächsthema.
„Im Grunde haben wir früher alles zusammen gemacht“, sagte Takashi und kickte einen Stein vor sich her.
Naoto machte den Mund auf.
„Ja, wegen dir, in der Tat. Sie ist teilweise so komisch abweisen, seit sie dich kennt.“ Takashi starrte ernst auf den Stein, der im nächsten Moment den leichten Abhang hinunter sprang.
Naoto schwieg. „Na ja, aber... trotzdem kann ich nicht so ganz verstehen, warum du so einen Groll gegen mich hegst. Ich habe dir eigentlich nichts getan, soweit ich weiß“, sagte er dann und sah Takashi fragend an.
Takashi presste die Lippen aufeinander.
Als er nicht antwortete, fragte Naoto vorsichtig: „Ist es, weil... weil ich deinem Vater nicht helfen konnte?“
Takashi blieb sofort stehen. Langsam drehte er den Kopf. „Das hat damit überhaupt nichts zu tun! Ich bin nicht so naiv wie du!“, rief er aufgebracht. In seiner Stimme lag ein unterschwelliges Zittern.
„Gut... das freut mich...“
Sie gingen ein weiteres Stück schweigend nebeneinander her, dann überwand sich Takashi schließlich und fragte: „Du... du bist in sie verliebt, stimmt’s?“
Naoto blieb still. Takashi schielte zu ihm hinüber. „Stimmt das oder nicht?“
Naotos Gesicht war leicht gerötet.
Takashi sah wieder nach vorn. „Wusst ichs doch...“
„Nein! Ich hab doch gar nichts gesagt!“, rief Naoto sofort.
„Eben.“
„Was soll das heißen...?“
„Ach, nun komm schon. Normalerweise antwortest du sofort, ehrlich und meistens sicher in dem, was du sagst. Außerdem gibt es bei dieser Frage keine große Palette von Möglichkeiten. Ist doch nun wirklich mehr als nur offensichtlich...“
Naoto senkte den hochroten Kopf.
„Außerdem... wäre es nicht so... dann hättest du dich wohl kaum an sie rangemacht, auch nicht im besoffenen Zustand.“
Zuerst antwortete Naoto nicht. Doch dann sagte er: „Das ist der eigentliche Grund, warum du dich so aufgeregt hast, nicht wahr?“
„Wa...?“
„Die Vermutung oder wohl mehr irgendwann die Sicherheit, ich könne in Kaya verliebt sein, das war das, was dich in Wirklichkeit verrückt gemacht hat, hab ich Recht?“
„Äh... wie kommst du denn auf sowas?“, empörte sich Takashi.
Naoto lachte. „Gut, jetzt habe ich ebenfalls Gewissheit.“
Takashi schmollte für den Rest des Weges. Keiner der beiden traute sich, einen Ansatz zu weiteren Schlussfolgerungen zu machen.
Irgendwann, nachdem sie ein äußerst schönes Waldstück durchquert hatten, hörten sie Geräusche. Takashi grinste. „Ah, wir sind da.“
„Wo da?“
Takashi grinste noch einmal. „Das wirst du gleich sehen.“
Naoto verzog irritiert die Augenbrauen, aber er ging weiter hinter Takashi her.
Sie hörten das Plätschern von Wasser, ab und zu Kayas Lachen und immer wieder freudige Laute, die die Wolfsjungen von sich gaben.
Und dann kamen sie schließlich hinter einem dichten Buschwerk an. Das Gestrüpp reichte ihnen bis zur Brust, vor ihnen neigten sich einige Äste und Zweige verschiedener Bäume bis zum steinigen Boden. Und direkt vor ihnen plätschrte lustig ein kleiner Fluss entlang.
Und in diesem Fluss...
Naoto schluckte. „Sag mal... machst du das immer so?“, fragte er Takashi leise. Seine Stimme war vergleichsweise dünn.
Takashi unterdrückte ein Lachen. Jedoch konnte er sich ein triumphales Grinsen nicht verkneifen. „Nein. Normalerweise gehe ich vorher zurück nach Hause. Oder ich spiele mit einem der Wolfsjungen, wenn es keine Lust mehr auf Wasser hat.“
„Ja... aber...“
Takashi prustete leise. Naoto war rot wie eine Tomate und sah ihn beim Sprechen nicht mal an.
„Ja, sie ist nackt, du Schlauberger. Aber sie hat kein Problem damit, wenn ich da bin.“ Naoto warf ihm einen irritierten Seitenblick zu.
Takashi grinste noch einmal.
Naoto öffnete den Mund, aber er bekam keinen Ton heraus.
„Im Grunde willst du doch gar nicht gehen“, winkte Takashi ab.
Kaya strich einem der Wölfe lachend über den Kopf... und als das erledigt war, tauchte sie kurzzeitig unter, worauf sie sofort wieder aus dem Wasser geschossen kam.
Naoto drehte sich blitzartig um und plumpste auf den Boden.
Takashi bückte sich zu ihm hinunter. „Was ist los?“ Seine Stimme zitterte aufgrund der Bemühungen, den nahenden Lachanfall zurück zu halten.
Naoto atmete schwer. „Sie...“
„Jaha, sie hat vorher nicht gestanden, richtig. Eigentlich geht ihr das Wasser bis direkt unter den Brustkorb. Du weißt schon, etwa da, wo du mich geschlagen hast.“ Er grinste hämisch.
Naoto beachtete ihn gar nicht. Aufgrund ihres Sprunges war alles bis zu ihrem Po sichtbar geworden. Zum Glück hatte sie mit dem Rücken zu ihnen gestanden. Als Naoto dieses Bild wieder vor Augen kam, musste er niesen.
„Ist da wer?“, hörten sie Kayas Stimme.
Naoto schlug sich eine Hand vors Gesicht.
Takashi richtete sich auf. „Ja, ich!“, rief er und trat hinter dem Gebüsch hervor.
Kaya lächelte. „Ach, du bist es. Wo hast du Naoto gelassen?“
„Ach, der... er hatte sich entschlossen, frühzeitig umzukehren.“
„Ach so. Willst du nicht auch reinkommen? Es ist herrlich.“
Naoto dachte, er hätte sich verhört. Was hatte sie da gerade gesagt?
„Ach nein, danke. Mir ist gerade weniger nach Baden.“
„Na ja, auch gut. Wir wollten uns sowieso demnächst auf den Rückweg machen. Am besten, wir gehen dann gleich.“
Kurz darauf hörte Naoto, wie jemand aus dem Wasser stieg und sein Herz begann wie wild zu pochen. Etwas drängte ihn, einen Blick über die Blätter zu werfen. Nur einen kleinen, nur ganz kurz...
Er hielt sich schwer atmend die Ohren zu, als könnte er diesen Drang auf diese Weise unterdrücken. Er dürfte eigentlich nicht einmal hier sitzen.
„Ach so, wo wir gerade bei Naoto sind“, hörte er Takashi kurz darauf sagen, „Er hat gesagt, dass...“
Naoto war blitzartig aufgestanden und aus dem Gebüsch getreten. Kaya und Takashi starrte ihn überrascht an. Naoto bemerkte ein wenig erleichtert, dass Kaya angezogen war.
„Wa...?“, machte Takashi.
„Oh, hallo, Naoto“, lächelte Kaya. „Takashi sagte, du wärest nach Irontwon zurückgegangen.“
„Ja... das hatte ich vor, nur, ähm, ich habe es mir dann doch noch anders überlegt“, sagte Naoto hastig. Seine Wangen glühten.
Kaya nickte verständnisvoll. Als sie sich kurz darauf abwandte, um ihr Haare auszuwringen, funkelte Naoto Takashi sauer an. Der hob fragend die Schultern und machte ein unschuldiges Gesicht.
„So!“, sagte Kaya und warf die Haare in den Nacken. „Fudo, Kanaye, kommt aus dem Wasser, wir wollen gehen!“ Fudo kam aus dem Wasser geklettert, zwischen den Zähnen Kayanes Nackenfell. Kaum waren sie an Land, spuckte er seinen kleinen Bruder energisch zu Boden. „Reagier doch mal, wenn man dir was sagt...“, knurrte er, als Kanaye ihn vorwurfsvoll ansah.
Dann machten sie sich alle auf den Rückweg. Zwischen Takashi und Naoto herrschte feindschaftliche Stille.
Irgendwann wurde Fudo die Spannung, die in der Luft lag, unangenehm und er fragte: „Habt ihr Streit?“
„Was?“, fragte Takashi. Er war in Gedanken gewesen und hatte so nur ein Kläffen gehört.
„Er fragt, ob ihr Streit habt. Das würde mich übrigens auch mal interessieren“, sagte Kaya und sah auffordernd zwischen den beiden hin und her.
„Nein“, sagten Naoto und Takashi zeitgleich, beide im selben zerknirschten Tonfall.
Kaya seufzte.

Am Abend saßen sie zu dritt beim Abendessen.
„Papa“, fragte Kaya, „Hast du schon einmal etwas von China gehört?“
„Ja. Das ist ein...“
„... ein Land im Westen, hinter dem Meer, stimmt’s?“
Ashitaka machte eine überraschte Pause, dann sagte er: „Ja, stimmt. Aber wieso fragst du danach, wenn du im Grunde schon weißt, was es ist?“
„Ich dachte, du wüsstest vielleicht mehr darüber.“
„Nicht sehr viel mehr... aber Herrin Eboshi kommt aus China.“
Kaya sah ihn überrascht an.
„Ach, das wusstest du noch nicht?“, mischte sich San ein.
Kaya schüttelte den Kopf.
„Sie kam eines Tages mit ihren Kriegern und ihrem Eisen in unser Land. Am besten wäre sie einfach da geblieben, in ihrem China...“
Ashitaka sah sie bittend an.
„Verzeihung“, murmelte San und seufzte. Sie konnte das einfach nicht unterbinden, wenn sie an das alte Irontown dachte und an all die Scherereien, die es mit sich gebracht hatte.
„Wieso, Kaya, was ist mit China?“
„Öhm... Naoto hat mir mal davon erzählt... deswegen“, antwortete Kaya und klapperte mit ihren Stäbchen.
„Ach so. Kommt er etwa aus China?“, fragte Ashitaka und klang währenddessen schon äußerst zweifelnd an dieser Möglichkeit.
„Nein, nein. Er... er war bloß einmal dort, für ein paar Jahre.“
Ashitaka nickte. Einen Moment später sah sein Gesicht nachdenklich aus.
„Was ist?“, fragte Kaya unsicher.
„Du hast auf einmal ganz rote Wangen... Überhaupt ist dein Gesicht ziemlich rot... bist du krank?“
Er streckte einen Arm aus und berührte ihre Wange.
„Nein, es ist alles in Ordnung, Papa“, sagte Kaya hastig und griff nach seinem Arm.
Ashitaka zuckte zusammen. Kaya spürte, wie sich sein Arm verkrampfte.
„Was... was ist?“, fragte sie erschrocken und ließ ihn los.
„Nichts...“, sagte Ashitaka und zog seinen Arm zurück.
Kurz darauf stöhnte er leise auf und legte eine Hand um seinen Arm.
San machte ein ernstes Gesicht und griff nach seinem Ärmling. Sie zog den kleinen Ring von seinem Finger, dann den blauen Stoff zurück.
Alle drei weiteten die Augen. An der Stelle, an der Kaya ihren Vater berührt hatte, schrumpften die Narben des alten Fluches langsam in sich zusammen.
„Was...?“, flüsterte Kaya. Sie wich ein kleines Stück zurück, als ihre Eltern sie etwas verstört ansahen.
„Kaya... was ist das?“, fragte San.
„Ich weiß nicht“, sagte Kaya zittrig und schüttelte den Kopf.

Am nächsten Morgen waren sämtliche Narben von Ashitakas Körper verschwunden. „Wahrscheinlich war es nur ein Zufall“, sagte er.
San nickte. „Es war einfach gerade dabei, wegzuheilen. Das hatte nichts damit zu tun, dass Kaya die Narben berührt hat.“
Kaya nickte etwas unsicher. Sie hätte das so gern geglaubt. Aber irgendwie wollte ihr das nicht gelingen und das machte sie unruhig.

Am Abend, als sie mit Takashi zusammen auf einem Dach saß und einen weiteren dieser himmlischen Sonnenuntergänge betrachtete, sagte sie auf einmal: „Du, Takashi... sag mal, glaubst du eigentlich an Magie? Also so richtig?“
Takashi war zuerst verwundert, weil sie sprach, doch dann antwortete er: „Nun ja... das kommt darauf an, welche Art von Magie du jetzt meinst...“
„Ich meine das Übernatürliche. Wunder.“
„Ach so... na ja, ich weiß nicht so ganz... ich meine, man braucht ja bloß den Geschichten zuzuhören, die unsere Eltern erzählen. Andererseits ist mir selbst noch nie etwas in der Art passiert, also bin ich mir nicht so wirklich sicher...“
Kaya nickte verständnisvoll. Nach einer kurzen Stille setzte Takashi zu einem anderen Thema an: „Du, ich wollte dir gestern etwas sagen. Nur da ist Naoto dazwischengeplatzt.“
Kaya dachte kurz nach. „Ach ja, da. Es hatte mit Naoto zu tun, richtig?“
Takashi nickte. „Ja. Und zwar hat er... ähm, er hat mir gesagt, dass er...“ Takashi stockte. Kaya sah ihn fragend an.
„Er... er sagte mir, dass er in dich verliebt ist.“
Kaya durchzuckte ein gleißender Blitz und Hitze breitete sich in ihrem Körper aus. „Das... das hat er... wann hat er das dir denn gesagt?“
„Na ja, gestern Morgen. Ich dachte, du solltest es wissen, weil... na ja, du solltest es einfach wissen.“
Kaya senkte den Kopf. Die Sonne verschwand immer weiter hinter den Bergen.
„Warum...“
Takashi sah sie an.
„Warum... hast du mir das wirklich gesagt, Takashi?“ Sie sah ihn eindringlich an.
Takashi öffnete den Mund. Trotzdem brauchte er einen Moment, bis er zu sprechen begann.
„Weil... also, ich...“
„Du wolltest bewirken, dass ich mich distanziert Naoto gegenüber verhalte, nicht wahr?“ „Was? Nein, wie kommst du darauf, das stimmt überhaupt nicht! Ich hab es dir gesagt, weil ich dachte, es wäre vielleicht... besser, wenn du es weißt. Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll.“
„Das glaube ich dir nicht. Außerdem... weiß ich das längst.“
Takashi sah sie vollkommen überrumpelt an.
Kaya starrte ernst zurück. „Ja, was meinst du denn, warum er mich fast vergewaltigt hätte?“
Takashi blieb kurz stumm. Das war also das Wort. „Äh... weil... er besoffen war?“
Kaya schüttelte den Kopf. „Das war nur der Schlüssel.“
„Wie kannst du dir da so sicher sein?“
„Weil...“ Sie machte eine Pause. Dann: „Es ist noch mehr passiert, als du weißt.“
Takashi wurde hellhörig.
„Ich habe ihn später noch einmal aufgesucht und mich für den Schnitt und den Schlag und alles entschuldigt. Daraufhin hat Naoto sich auch entschuldigt und dann kam es irgendwie dazu, dass er mir seine Geschichte erzählte... und dann... dann hat er...“ Kaya presste die Lippen aufeinander. Sie hätte es ihm doch nicht sagen sollen. Nur... jetzt konnte sie nicht mehr zurück.
„Was? Was hat er?“ Takashi klang schon wieder, als wäre er dabei, äußerst wütend zu werden.
„Er hat... na ja, er fragte mich, ob ich ihm einen Gefallen tun würde und sagte, er wisse noch, was er gewollt hatte und...“
Takashi verspannte sich sichtbar. „Du hast ihm das nicht erlaubt. Das hast du nicht getan!“, sagte er einen Tick zu laut. Sein Gesicht war wütend verzogen.
„Nein, nein, das nicht... aber er fragte, ob ich einen kleinen Teil zulassen würde und ich hab ja gesagt... glaub ich... aber ich muss wohl ja gesagt haben, weil... na ja, er hat mich geküsst.“
Takashi blieb still.
Kayas Hände ballten sich zu Fäusten. Ich Dummkopf!, dachte sie verbissen, Warum hab ich ihm das erzählt?!
„Er... er hat... was?“ Takashi klang seltsam abgefalcht. Kaya sah ihn vorsichtig an. Er starrte ihr fassungslos in die Augen. Kaya sah schnell weg. Sein Blick brannte geradezu in ihren Augen.
Sie spürte seinen Blick noch für eine halbe Minute... dann stand er auf.
„Halt!“, rief Kaya. „Takashi, bleib hier! “
„Du hast mir gar nichts zu sagen.“
„Aber... Takashi, sag doch wenigstens etwas dazu... ich meine, ich... dieses Schweigen, das kann ich einfach nicht ertragen. Das machst du schon immer... Man fühlt sich so mies, wenn du das machst, du frisst das dann immer so in dich rein...“
Takashi biss die Zähne aufeinander und ballte seine Hände zu Fäusten. Alles brachte ihn dazu, an seinen Vater zu denken. Friss deine Sorgen nicht immer so in dich hinein, dein Vater hätte sich deshalb einmal fast umgebracht.
„So bin ich eben! Was geht dich das an?“ Dann sprang er vom Dach.
„Takashi! He!“ Kaya sprang auf und folgte ihm nach unten auf die Straße. Dann eilte sie ihm hinterher.
„Taka...“
„Lass das!“, fauchte er und schlug grob ihre Hand weg, die sie ihm auf die Schulter hatte legen wollen.
„Du hörst mir doch nicht mal zu. Ich...“
„Ich hab schon genug gehört!“
„Aber... was ist denn eigentlich dein Problem? Sag es mir! Ist es, weil du Angst hast, ich hätte Naoto lieber als dich?“
Es war sichtbar, wie er sich verspannte.
„Aber du weißt doch, dass das Blödsinn ist! Du... dich kann man mir nicht so einfach ersetzen!“
„Aja? Und das soll ich dir jetzt auch noch glauben?“
„Was muss ich denn tun, damit du es tust, verdammt nochmal?!“, rief sie, packte ihn bei den Schultern und riss ihn herum. Sie atmete schwer. „Sag es mir! Na los!“
Er starrte sie kalt an. „Du kannst nichts tun. Gar nichts. Überhaupt sehe ich darin keinen Sinn, eine Lüge auch noch belegen zu wollen.“
Sie sah ihn leidend an. „Takashi... was soll denn das...?“ Sie schüttelte den Kopf. Dann schien sie kurz zu stocken – und dann schnellte sie nach vorne und küsste ihn auf den Mund.
Takashi versteinerte. Er konnte sich nicht mal fragen, warum sie das tat, er war so überrascht und beinahe geschockt.
Kaya ließ wieder von ihm ab. „Ich liebe dich wie keinen anderen Menschen, hörst du? Du bist mein bester Freund, das weißt du doch? Du weißt es, richtig?“
„A... wa... äh...“ Er sah sie vollkommen konfus an.
„Ich konnte es dir nicht anders beweisen. Da musst du mir Recht geben, oder?“ Sie umarmte ihn. „Bitte glaub mir. Ich mag Naoto sehr gern, das will ich nicht in Frage stellen oder abstreiten, aber... das ist kein Vergleich.“
Takashi schluckte. Sein Gesicht glühte.
Kaya lächelte etwas unsicher, dann wandte sie sich um und lief nach Hause.
Takashi starrte ins Leere. Er fühlte ihre Lippen noch, zart wie eine Blüte und weich wie die Daunenfedern eines Vogels.
Langsam hob er die Hand und fasste sich zitternd an den leicht geöffneten Mund. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Was war hier eigentlich los?
Unsicher tappte er in die Richtung, in der er sein Haus vermutete.
Auf halber Strecke trat jemand in seinen Weg. Takashi hob überrascht den Kopf. Es war Naoto.
„Hallo“, sagte er.
„Hallo“, murmelte Takashi lustlos. Irgendetwas an Naotos Gesicht war seltsam. Er wirkte irgendwie verspannt oder etwas in der Art... vielleicht war er ja auch einfach nur genauso müde wie Takashi auf einmal.
„Gut, dass ich dich noch erwische.“
„Wieso, was ist...?“ Takashi gähnte.
„Ich wollte dir anbieten, morgen früh einen Spaziergang mit mir zu machen. Ich wollte mal mit dir reden können.“
„Haben wir das nicht gestern schon...? Ich bin müde...“
„Ja, da hast du Recht, aber unser Gespräch war recht abrupt zuende. Deshalb...“
„Jaja, schon gut. Wann?“
Naoto lächelte. „Ich werde bei Sonnenaufgang das Haus verlassen. Ich warte dann auf dich.“
„Wo?“
„Mh... sagen wir, auf der kleinen Lichtung, die man durchquert, wenn man ein Stück durch den Wald gegangen ist, nachdem man über diesen großen Grashügel ist?“
„Warum denn so weit und umständlich?“
Naoto lachte. „Damit du einigermaßen wach bist! Also dann, bis morgen!“ Er drehte sich um und hob beim Weggehen noch grüßend einen Arm.
Takashi schüttelte müde den Kopf und fuhr sich durch die Haare. Er wollte nur noch schlafen.

Am nächsten Morgen machte sich Takashi gleich nach dem Aufstehen auf den Weg. Er wollte das hinter sich bringen.
Der Weg erwies sich als länger und anstrengender, als er ihn in Erinnerung hatte.
Aber irgendwann hatte er es geschafft. Doch... die Lichtung war leer.
Takashi verzog verwundert das Gesicht. Hatte Naoto nicht gesagt, er würde bei Sonnenaufgang losgehen? Das war schon ziemlich lange her.
„Naoto?“
Als nach einer halben Minute noch immer keine Antwort kam, setzte sich Takashi schulterzuckend ins Gras und sah zum Himmel. Ein wirklich schöner Tag. Und hier roch es auch noch so gut.
„Seltsam... ich frage mich, wo er bleibt...“, murmelte Takashi nach einer Weile in sich hinein.
Da hörte er ein Geräusch, das ihn stutzig machte. Hörte sich an wie Metall...
„Hier bin ich.“
Takashi fuhr herum und erschrak. Vor ihm, direkt am Rande der Lichtung, stand Naoto. Gerade stand er da, schien mehr muskulös als dürr, seine Haare wehten in der leichten Brise. Kühl blickte er zu Takashi hinüber... und er hatte ein blitzendes Schwert in der Hand. Die kleinen weißen Wolken spiegelten sich darin.
„Wa..?“
Doch da war Naoto schon losgelaufen. Takashi konnte sich gerade so zur Seite wegrollen. „Verdammte... ich hätte dir wirklich nie vertrauen dürfen!“, rief er außer Atem.
„Du hast Recht. Aber du hast es getan. Wie dumm von dir.“ Naotos Augen blitzten, als er höhnisch grinste. Ein notwendiges Zeichen für Takashi. Als der nächste pfeilschnelle Schwerthieb auf ihn niederging, war er bereit und sprang erneut zur Seite.
„Was ist? Kannst du nur ausweichen? Was für ein Feigling“, spottete Naoto.
„Naoto... was ist los mit dir...?“ Takashi konnte nicht verhindern, dass er zitterte. Was immer er gesagt hatte, das hatte er nicht erwartet. Er war ehrlich entsetzt.
„Nichts ist los mit mir. Gar nichts.“ Er grinste wieder dieses dämonische Grinsen.
Dem nächsten Schlag wich Takashi mit einem Hechtsprung nach hinten aus. Hart prallten sein Rücken und sein Kopf gegen einen dicken Baum. Ein stechender Schmerz durchfuhr seinen Schädel. Ihm wurde schwindlig und er geriet ins Wanken. Er sah Naoto vage auf sich zukommen und wich nur nach Gefühl aus. Die blanke Schneide hackte sich mit einem dumpfen Geräusch ins dunkle Holz des Baumes. Takashi trat aus und schaffte es so tatsächlich, Naoto aus dem Gleichgewicht zu bringen. Die paar Sekunden nutzte er, um sich einen langen Stock zu greifen, der im Gras gelegen hatte. Mit dem kalten Holz in der Hand hechtete er so schnell es ging ein Stück von Naoto weg.
Im nächsten Moment hatte der sich schon umgedreht. Takashi hatte keine Zeit mehr, dem Schlag auszuweichen. Gerade noch konnte er blocken. Ein weiteres Mal war er erstaunt über Naotos Kraft.
„Wa... warum...?“, keuchte er.
„Warum?“ Naoto grinste. Es wirkte fast ein wenig irre. „Weil ich es will, deshalb. Du wirst immer lästiger.“
„Läs... tig? Ich... wie...“ Takashi konnte nicht zuende sprechen, er konnte nicht einmal zuende denken. Da bekam er plötzlich eine Idee.
„Kaya... Du... ist es wegen... dem gestern?“
Naoto spitzte überlegend die Lippen, dann sagte er. „Nein, knapp daneben. Wobei das schon gar kein schlechter Einfall war.“
„Was... dann...?“ Takashi entkam ein lautes Keuchen, als das Schwert sich immer weiter durch das Holz bohrte.
„Das hättest du frühzeitig selbst herausfinden müssen. Jetzt ist es ohnehin zu spät. In wenigen Momenten bist du tot, Takashi.“
Takashi zitterte immer schlimmer unter Naotos Druck. Gleich würde das Holz reißen, gleich war er tot... Vielleicht hatte er noch eine Chance... vielleicht...
Mit einem Knacken brach der Stock. Takashi stieß einen erschrockenen Laut aus, dann rollte er sich zur Seite. Das Schwert versah ihn mit einem Schnitt an der Schulter.
Takashi stöhnte. Er konnte nicht mehr. Aber er konnte auch nicht einfach aufgeben. Verzweifelt griff er nach dem längeren der Holstücke.
Wieder schnitt das scharfe Metall in den Stock.
„Soll ich dir was sagen, Takashi?“, fragte Naoto. Er war inzwischen ebnfalls merklich außer Atem.
Takashi starrte ihn nur an. Über sein Gesicht liefen Schweißtropfen.
„Vielleicht hätte dein Vater damals eine Chance gehabt...“
Takashi zuckte zusammen. Sein Herz pochte, als würde es ihm jeden Moment aus der Brust platzen.
„Er war noch nicht ganz verloren. Wahrscheinlich hätte ich ihm noch helfen können.“ „Nein... hör auf...“, flüsterte Takashi flehend.
„Überleg mal, vielleicht könnte er dir dann jetzt helfen. Aber weißt du was?“
„Nein! Hör auf! Hör sofort auf!“ Takashi ließ das Holz los und presste sich die Hände auf die Ohren. In seinen zugekniffenen Augen hatten sich Tränen gesammelt.
Naoto grinste triumphierend und senkte das Schwert ein Stück. Dann sagte er leise: „Genau deswegen hab ich ihn sterben lassen. Er wäre mir später nur im Weg gewesen.“
Takashi stöhnte verzweifelt auf.
„Und jetzt...“ Naoto hob das blanke Schwert.
Takashi musste an Kaya denken, an seine Mutter, an alle... was würde wohl passieren, nachdem Naoto ihn ermordet hatte?
Etwas sauste durch die Luft. Takashi riss die Augen auf.
Im nächsten Moment zischte etwas Weißes über ihn hinweg. Er hörte ein grollendes, hasserfülltes Geräusch, dann wurde er mit Blut bespritzt.

Naotos Kopf knallte mit aller Macht gegen einen Baum. Auf seiner Brust spürte er ein schweres Gewicht und heißer Atem biss ihm ins Gesicht. Das Schwert hatte er reflexartig hochgerissen, nun lief ihm Blut über die Hände.
Als er die Augen öffnete, blickte er in zwei schlitzförmige gelbe Augen, die ihn mit abgrundtiefem Hass anfunkelten.
„Wie kannst du es wagen?!“, grollte eine tiefe Stimme. „Verabscheuungswürdige Kreatur! Du nennst dich einen Freund von Kaya?! Dass ich nicht lache! Ein Betrüger bist du! Ich sollte dir auf der Stelle die Kehle aufreißen!“
Messerscharfe Krallen gruben sich in Naotos Schultern. Er schrie auf. Sein ganzer Körper zitterte.

„Takashi! Takashi, ist dir was passiert?“, rief eine besorgte Stimme. Takashi erkannte einen gräulichen Kopf, der sich in sein Blickfeld schob und ihm die Sicht zum Himmel versperrte.
„Bin ich froh... da sind wir ja noch gerade rechtzeitig gekommen...“ Ayaka beugte sich über ihn und beschnupperte die Wunde in seiner Schulter. Dann verzog sie das Gesicht. „Zum Glück nichts Ernstes...“ Sie schleckte Imari über den Kopf, als die Kleine mit verstörtem Gesicht neben sie trat. „Gut gemacht, meine Kleine... wenn wir dich nicht hätten...“ Dann wandte sie sich wieder an Takashi.
„Takashi, es ist wieder gut. Du kannst dich aufsetzen... Takashi?“
Takashi lag nur da und starrte weiter zum Himmel. Die Tränen in seinem Gesicht trockneten langsam in der warmen Morgensonne, in seinen leicht geöffneten Mund strömte duftende Waldluft. Aber er konnte nichts davon wirklich genießen.
Warum?
Warum immer er?

Vor Naotos Augen blitzte etwas auf. Dann spürte er einen stechenden Schmerz.




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